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Pathologische Schwerstarbeit

An dieser Stelle möchte ich ein Loblied auf die Pathologie singen, mit der ich meine ärztliche "Karriere" (muahahaha) begann. 

 

Ich war gerade seit einem halben Jahr in der Pathologie, als ich wieder eine Obduktion durchführen sollte, die regelmäßig zu meinen Aufgaben gehörte. Wir hatten damals zwar einen Präparator, der die Leichen aus der Kühlkammer auf den Autopsietisch legen und alles vorbereiten sollte - er war aber nie da. 

Dass ich alleine im Keller mit all den Leichen war, störte mich nicht mal. Aber als ich die Kühlkammer betrat, bemerkte ich ein Problem: Die Verstorbene hatte gut und gerne 150 kg Körpergewicht und ich bin nicht wirklich ein Muskelpaket. 

 

Ich schob sie also auf dem fahrbaren Tisch aus der Kühlkammer in die Halle und platzierte diesen direkt neben dem Autopsietisch, in der Hoffnung, den Leichnam einfach rüber schieben zu können. 

Sie passte auch kaum auf den fahrbaren Wagen, so dass ich die Obduktion auch nicht dort hätte machen können. Zumal die Arbeit eine nicht unerhebliche Sauerei macht, die tatsächlich nur auf dem Sektionstisch mit Wasseranschluss und groooßem Abfluss beherrscht werden kann.

 

Warum denn das?! 

 

Man muss sich vorstellen, wie eine Autopsie funktioniert:

Man beginnt mit der äußeren Inspektion. Da ich nicht in der Gerichtsmedizin, sondern in der Pathologie arbeitete, waren meine Patienten auf natürlichem Weg verstorben. Sprich: Meist steckte eine aktive Tumorerkrankung, ein Herzversagen oder eine Infektion dahinter. Da mag der ein oder andere nun denken: „Das wissen wir doch bereits alles! Wozu die Mühe? Warum die Menschen aufschneiden?“ Ich als Verfechterin von Obduktionen bin der Meinung, dass viel mehr obduziert werden müsste. 

 

Denn es dient 

  1. der Qualitätssicherung in der Medizin: Ist eigentlich alles so richtig, was wir hier fabrizieren? Haben wir etwas übersehen?
  2. dem Erkenntnisgewinn über den Krankheitsfall hinaus: Okkulte, also versteckte Tumore; Normvarianten von Organen, Arterien; histologische (gewebliche) Aufarbeitung. Das bekannteste Beispiel hierfür ist das sog. Latente Prostatakarzinom. Es wird erst im Rahmen der Autopsie entdeckt und hat zu Lebzeiten zu keinen Krankheitssymptomen geführt. 
  3. der Lehre: Meiner Ansicht nach der wichtigste Punkt. Und wenn ich in der Medizin etwas zu melden hätte, müssten alle jungen Assistenzärzte (jajaja, Gender: auch ÄrztINNEN) nach Abschluss des Examens einige Monate in der Pathologie arbeiten.

         Denn (ach je, schon wieder Unterpunkte): 

    • Nirgends lernt man soviel über die Anatomie des Menschen und vor allem die pathologischen Veränderung und die Pathophysiologie. 
    • Wer einmal einen Menschen obduziert hat, bekommt eine unglaubliche Demut und Respekt vor dem Lebewesen Mensch (beim Tier wäre es genauso). Wie ein Lebewesen in so einer Komplexität aufgebaut ist, wie es funktioniert, wie plötzlich alles Leben aus dem Menschen weichen konnte und was vom Menschen übrig bleibt, wenn die Seele sich auf und davon gemacht hat. Die verlassene Hülle. Man denkt mit einem Mal sehr viel darüber nach, was den Menschen ausmacht. 
    • Durch meine Zeit in der Pathologie weiß ich, wie Tumore aussehen. Wenn ich radiologische Bilder sehe, habe ich das Bild aus der Pathologie vor Augen. Ich habe sie angefasst. Die harten, unerbittlichen Metastasen einer durchsetzen Leber. Die Überwucherung des Körpers, als wäre eine ganze feindliche Armee über den Menschen plündern und raubend hinweggezogen und ließ bloß eine ausgemergelte Hülle übrig. Ich weiß auch, wie ein schlappes Herz aussieht, das ausgeleiert und mit letzter Kraft seine Pumpfunktion aufrecht erhielt. Wie eine kaputte Niere klein und schrumpelig in der Hand liegt und quasi nichts wiegt. Wie götterspeisenwabbelig ein Gehirn im nicht-fixierten Zustand ist und trotzdem alle unsere Gedanken und Gefühle enthält. Götterspeisenwabbelige Gedanken. Matschige Gefühle. Unser Gehirn als wabbelige Kommandozentrale, in der in Sekundenbruchteilen Informationen ausgetauscht und umgesetzt werden. Da haben wir sie wieder, die Demut. Wie kann Götterspeise denken? Natürlich hat die Medizin dazu die Antworten parat. Aber der Gedanke, dass alles, was uns ausmacht, götterspeisengesteuert ist, verwundert. Kennt ihr das Gedankenexperiment vom „Gehirn im Tank“? Es besagt, dass wir eigentlich nur aus Information bestehen und rein theoretisch auch einfach ein Gehirn in Nährlösung schwimmend sein könnten. Es würde ausufern, das weiter auszuführen. Googelt mal, da lohnt sich Dr. Google wirklich!Aber ich schweife ab.. Zurück zum Lerneffekt: Ich habe die Schönheit eines Darms gesehen. Was? Wie bitte? Igitt, wie eklig? Nein, im Gegenteil. Der saubere Darm und insbesondere die mikroskopische Ansicht ist wunderschön. Rasenartige Zotten, die unseren Körper am Leben erhalten. Darm kaputt, Mensch kaputt. 

 

Was passiert nun mit den Verstorbenen? 

Es wird die äußere Leichenschau durchgeführt und der Patient von Kopf bis Fuß, von Kopfhaut bis Zehenzwischenraum, untersucht. Es wird die Leichenstarre und der Zustand der Leichenflecken begutachtet. Der Zustand der Haut, äußerliche Veränderungen usw. 

Anschließend folgt der berühmte Y-Schnitt, mit dem der Körper eröffnet wird. Die Haut und die Schwarte werden vom Brustkorb gelöst, der Brustkorb mit einer Art Geflügelschere eröffnet. Und dann liegt es nun vor einem: Das Herz im Pericard (Herzbeutel), die Lungen, die Gedärme, Leber. Demut, sage ich nur. So, blöderweise kann man nun nicht einfach das Herz herausnehmen und sich anschauen. Es pappt nämlich alles zusammen: Bindegewebe, mehr oder weniger viel Fett,  Arterien, Venen, Sehnen. Und alles liegt so eng beieinander: Das Herz quatscht sich zwischen die Lungen und sitzt auf dem Magen. Es liegt kuschelig nahe an der Leber, die sich wiederum in die unter die Rippen kuschelt. Die Nieren und die Bauchspeicheldrüse liegen einem quasi im Rücken. 

 

Daher werden die Bauchorgane in einem Block frei präpariert und schließlich einzeln untersucht. Der Darm wird gewaschen. Die Hoden werden durch den Leistenkanal in den Bauchraum gezogen. Wenn es „ploppt“, sind sie durch. Das alles macht eine ungeheure Sauerei. Und daher kann eine Autopsie entgegen allen Gerüchten und Fernsehserien, in den mal eben im Patientenbett obduziert wird, nicht auf einer Trage stattfinden. 

 

Weiter mit der schweren Dame… 

 

Also stand nun also hinter der Verstorbenen und versuchte, sie auf den Sektionstisch zu schieben. Keine Chance. Die Leichenstarre hatte eingesetzt und die Frau war wie ein 150kg schwerer Stein und ließ sich keinen Zentimeter von mir bewegen.

Ich versuchte es mit Wasser und benetzte den Sektionstisch. Besser gesagt, ich flutete ihn. Und schob wieder. Die Dame rutsche mit dem Oberkörper hinüber. Da aber die Leichenstarre die Dame ein wenig unflexibel machte, kamen mir die starren Beine schwungvoll in einer Kreisbewegung entgegen. Wenn ich aber die Beine hinüber schob, wollte der Oberkörper wieder zu mir. Irgendwann hing der 150kg-Leichnam zwischen Trage und Sektiontisch und ich verzweifelte bei der Vorstellung, dass die Dame mit Schmackes auf den Boden fällt und ich sie nie und nimmer wieder alleine aufheben könne. Ich überlegte mir also etwas anderes und ging auf die andere Seite des Sektionstisches, beugte mich (zum Glück gut beschürzt) komplett über den leeren Sektionstisch, griff mir ihren linken Arm und das linke Bein, stemmte mein rechtes Bein gegen den Sektionstisch und zog. Und zog und zog und zog. Bis sie mir akut schwungvoll entgegen kam und mir so beinahe auf meiner Seite vom Tisch gerutscht wäre… Sie hätte mich auf dem Boden begraben. 

 

Glücklicherweise konnte ich sie stoppen, denn auch hier kommt die Demut wieder zum Vorschein: Mir wäre es unendlich respektlos erschienen, die Dame auf den Boden knallen zu lassen. Und angesichts der skurrilen Situation konnte ich trotzdem nicht aufhören, in mich hinein zu grinsen. Nach 5 Minuten Verschnaufpause sowie mehreren im Stillen ausgesprochenen Entschuldigungen für diese grobe Behandlung konnte ich endlich mit der Sektion beginnen. 

 

 

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