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Ein Schluck Brühe

Wenn man in einer Landarztpraxis arbeitet, erlebt man die Menschen genau so, wie sie sind. Natur pur. Live und in Farbe. Ungeschönt und wahrhaftig.

 

Es gibt zwar immer mal den einen oder anderen Schnösel dabei, aber in aller Regel sind die Menschen sehr bodenständig, herzlich und offen. Der Hesse an sich ist ja eher etwas zugeknöpft, aber das heißt nicht, dass er unfreundlich oder kaltherzig ist. Im Gegenteil. Ich muss gestehen, ich mag diese unaufdringliche herzliche Art. 

 

Isch geh beim Doktor

 

Auf dem Land geht man nicht nur zum Arzt, wenn man Beschwerden hat, nein. Man geht zum Doktor, weil es Quartalsbeginn ist und man ja mal das Kärtchen einlesen lassen kann.

Oder weil man ein Rezept braucht. Am nächsten Tag ebenfalls.

Oder weil der Doktor mal eben auf die Lunge hören soll.

Und zum jährlichen Ohrenspülen.

Oder weil man nur eben Bescheid sagen will, dass die Befunde vom Augenarzt erst nächste Woche geschickt werden.

Oder weil man mal Pralinen und Wurstbrötchen bringen möchte (was wir sehr begrüßen).

Und um den Quick zu messen, wenn Patienten Blutverdünner einnehmen. Außerdem, um mal eben checken zu lassen, ob die rote und juckende Quaddel tatsächlich nur ein Mückenstich und kein Erythema nodosum ist, wie Dr.Google das sagt. 

Ein ganz normaler Tag in einer Landarztpraxis.

 

Mary Poppins geht auch beim Doktor

 

An so einem Tag mit vollem Wartezimmer berate ich eine ältere Patientin mit Muskelkrämpfen.

Als man sich über eine spezifische Therapie einig ist und ich sie verabschieden will, sagt die Patientin: "Ach, ich muss ja noch meine Tablette nehmen...", und kramt in aller Seelenruhe in der übergroßen Handtasche. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass das Wartezimmer aufgrund oben genannter Wünsche und Wehwehchen brechend voll ist. Aber soviel Zeit muss sein.

 

Schließlich zückt  sie die Pillchen und ich möchte nicht drängeln. Aber hoffe, dass sie schnell die Tablette in den Mund nimmt und aufsteht. Sie hat allerdings weiterhin die Ruhe weg.

Die Dame nimmt aus ihrem MaryPoppins-Täschchen ein dunkelbraunes, etwa 150 ml fassendes Glas mit grünem Schraubverschluss heraus.

 

Ich denke bei mir:"Das wird doch wohl kein Instantbrühe-Glas sein?"

Und doch, in der Tat. Es ist ein mit Flüssigkeit gefülltes Brühe-Glas einer bekannten Suppen-Firma. Die Dame nimmt einen kräftigen Schluck Brühe-Wasser, wackelt dabei ein wenig und verschüttet die Hälfte auf dem Sprechzimmer- Boden, was sie aber nicht sonderlich stört. Das Brühe-Glas wird anschließend fein säuberlich verschraubt, in einen Plastik-Frühstücksbeutel und wieder in die Tasche gepackt. 

 

Puh, endlich fertig. 

 

Nein, doch nicht. 

 

 

Als nächstes kramt die Dame einen Kamm hervor. Sie richtet sich noch die Haare - soviel Zeit muss sein - bevor sie sich schließlich erhebt und frisch gestärkt und frisiert das Sprechzimmer verlässt.

 

 

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