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Arm im Darm

An einem recht ruhigen Tag in der Notaufnahme trifft der Rettungsdienst ein und bringt uns eine hochbetagte, etwas demente Dame, die sich vor Schmerzen windet und fast schreit.


Die Sanitäter übergeben uns, dass es sich um ein sogenanntes „Unklares Abdomen“ handle: Die Dame hat Bauchschmerzen und man kennt die Ursache noch nicht.


Sie wird auf das Bett gehoben, an unsere Überwachungsmonitore angeschlossen und wir legen einen venösen Zugang, um Infusionen oder Schmerzmittel zu verabreichen und Blut abzunehmen. 


Beim Liegen windet sich die Patientin hin und her, krümmt sich und sagt schließlich, sie könne gar nicht sitzen. Ihr Bauch ist recht gewölbt, fest und diffus druckschmerzhaft. Sprich: Es tut ihr alles weh. Aber der Bauch zeigt keine Zeichen es akuten Geschehens, also einer Entzündung oder eines Durchbruchs. 

 

Hellhörig geworden durch ihre Aussage, dass sie nicht sitzen könne, und weil man jeden Patienten mit Bauchschmerzen auch rektal untersuchen muss, bitte ich sie, sich auf die Seite zu legen. Ich vermutet einen Analprolaps, bei dem ein Teil der Analschleimhaut von innen nach außen gedrückt wird. 

 

Was ich sehe, erstaunte mich: Es ist kein Prolaps. Es ist ein gigantischer, halb herausragender Kotstein, der sich weder vor noch zurück bewegen lässt. 


Kotsteine sind gerade bei älteren Menschen nicht unüblich. Durch mangelnde Darmbewegung im Alter und unzureichende Flüssigkeitszufuhr dickt der Stuhl derart ein, dass sich steinharte Gebilde entwickeln. Und genau so ein Monster von ungefähr Mandarinengröße sucht seinen Weg nach draußen. Was ihm natürlich nicht gelingt. Es sieht aus wie bei einer Entbindung, nur dass man bei einer Geburt eine Belohnung für all den Schmerz in den Armen hält. 


Kein Wunder, dass die Patientin vor Schmerzen schreit. 


Wir hängen Schmerzmittel an den Tropf und ich lasse mir Vaseline geben. Was sein muss, muss sein. Eventuell kann man das Ding bergen, ohne dass man operativ vorgehen muss. 

 

Meine kleinen behandschuhten Fingerchen suchen zaghaft einen Weg an dem Monster vorbei. Keine Chance, denke ich. Millimeter für Millimeter arbeite ich mich vor, kratze immer kleine Bröckchen vom Monster ab und hoffe, dass es einfach irgendwann wie bei einer Entbindung „Flutsch“ macht und das Ding - in dem Fall kein süßes und käseschmieriges Baby - nach draußen ploppt. Das Monster tut mir nicht den Gefallen. Nachdem ich 10 Minuten mit meinen Händen Kotstein-Bildhauerin gespielt habe, rufe ich meine Kollegin zu Hilfe. 

     

Ein Blick genügt und sie hat die Lage erfasst. Ich fühle mich, wie in einem Bauernhoffiilm, in dem ein Bauer sich die Hände mit ellenbogenlangen Handschuhen bestückt und ein Tier entbinden muss. Meine Kollegin zieht sich Handschuhe über ihre gigantisch großen Hände, drückt energisch eine halbe Tube Vaseline auf dieselben, verreibt sie und schreitet zur Tat.


Ehe ich mich versehe, verschwindet die Hand ohne zu zögern mit allen vier langen Fingern im Ort des Geschehens. Ein Schrei der Patientin und das Monster ist geboren. Eine Kaskade setzt sich in Gang und es kommt Bewegung in die Steine.

 

Nun räumt meine Kollegin noch mehrere Kotsteine heraus und die Patientin strahlt über das ganze Gesicht, die Schmerzen sind abrupt verschwunden. Nachdem sie noch gewaschen, gepflegt, mit Salbe versorgt und ein wenig aufgepeppelt wurde, konnte sie die Notaufnahme schmerzfrei wieder verlassen.

 

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