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Der Patient an sich

Ich wage mich auf dünnes Eis: ich kritisiere den Patienten. Das an sich ist schon ein bitterböser Fauxpas und in unserer ärztlichen Dienstleistungsgesellschaft ganz ganz ungern gesehen. 


Der Patient zahlt schließlich in die Krankenkasse ein und hatte damit den vollen Service des Systems gebucht. Gell? Noch ausgeprägter ist dies natürlich bei Privatpatienten, die zugegebenermaßen tatsächlich eine Menge Geld ihre Krankenkasse stecken.

Aber fangen wir an.

Kritikpunkt 1: Unpünktlichkeit 
 
Bevor ich überhaupt anfange, darüber zu schreiben,  weiß ich schon das Gegenargument. „Man muss ja eh lange warten. Wozu dann pünktlich sein?!“

Es ist so: wir versuchen es ja! Wirklich. Wir versuchen stets, unseren Terminkalender einzuhalten und die Patienten nicht allzu lange warten zu lassen. 

Denn wir wissen auch, wie ätzend die Zeit im Wartezimmer zwischen lauter kranken Menschen ist. Oder das Rumstehen, wenn die Sitzplätze belegt sind. Oder das Gefühl, von allen beobachtet zu werden. Oder der ständigen Geräuschpegel wie in einer Bahnhofshalle.

Und trotzdem hat es jeder Patient verdient, dass man ihm eine angemessene Behandlung zugesteht. Leider ist es nicht immer planbar, welche Krankheit sich hinter kryptischen Symptomen verbergen. Oder welche seelischen Leiden dir plötzlich offenbart werden, mit denen du nicht gerechnet hast. Sagst du dann: „Heben Sie sich das Weinen bitte für den nächsten Termin auf!“? 

Wenn die Patienten dann zu spät kommen, werfen Sie die elektronische Warteliste durcheinander. Und es ist unfair den Patienten gegenüber, die tatsächlich pünktlich da waren.

Ich hab es auch nicht so gerne, wenn Patienten eine Stunde früher kommen, weil sie jetzt gerade Zeit haben. Dann an meinem vollen Terminkalender hat sich nichts geändert. Ich stehe eher zusätzlich unter Druck, diesen Menschen nicht zu lange warten zu lassen, denn sonst beschwert er sich womöglich über die lange Wartezeit.

Kritikpunkt 2: Unmögliche Kinder
 
Ich behandle täglich Kinder. Das ist das Schöne an meiner Tätigkeit: die Arbeit mit Menschen jeglichen Alters, vom Baby bis zum Greis. Die Arbeit mit ganzen Familien, die man über einen langen Zeitraum begleitet. 

Viel schöner wäre es dann noch, wenn Kinder sich für die kurze Zeit in der Praxis benehmen könnten. Ausnahmen gelten für die Kinder, denen es  schlecht geht. Natürlich versuchen wir an dieser Stelle, die Kinder vorzuziehen, um Ihnen die lange Wartezeit zu ersparen.

Ich finde allerdings, Eltern sollten den Kleinen Einhalt gebieten, wenn kein vernünftiges Arzt-Patienten-Gespräch möglich ist, wenn Kinder über ihre Eltern klettern, wenn sich aus Langeweile schreiend auf dem Boden schmeißen. 

Einem Kind, dass Angst vor der Spritze hat, tröste ich und rede ihm gut zu. Ein Kind, das vor Aufregung die Hälfte vergisst und stotternd vor mir sitzt, ermutige ich und höre geduldig hin. Wenn es keine Gummibärchen mehr gibt, hole ich neue im Büro.

Einem Kind, das seinen Eltern ständig ins Wort fällt und sie keine Anstalten macht, das Kind zu bändigen, sage ich bestimmt, dass es bitte fünf Minuten still sein soll. 

Eine Mutter, die einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil ich ihrem Kind ein Pflaster abziehen muss, weise ich nach einiger Zeit darauf hin, dass ich noch andere Patienten habe. Das ist dann der Garantieschein für eine schlechte Jameda- Bewertung. 

Kritikpunkt 3: Gehobenes Anspruchsdenken
 
Wie gesagt: wir tun unser Möglichstes, den Patienten zu unterstützen seine Wünsche zu erfüllen. Eine Krankmeldung über fünf Tage wegen eines Schnupfens, die dauerhafte Krankengymnastik – Verordnung außerhalb des Regelfalls, ein Röntgen des Knies aufgrund von Schmerzen seit einigen Tagen, einen ganz schnellen Termin beim Facharzt... ist leider nicht drin.

Das liegt nicht etwa daran, dass wir keine Lust haben. Jedoch sind viele Untersuchungen unnötig, bringen den Patienten in panische Verunsicherungen (wie Doktor Google ebenfalls) oder können sogar schaden. Nehmen wir als Beispiel übermäßige Röntgen-oder CT-Untersuchungen, die unseren Körper mit einer hohen Strahlendosis belasten. Oder endoskopische Untersuchungen, die als invasiver Eingriff immer ein Risiko tragen.

Und nicht zuletzt zählt die psychische Komponente. Führt man zu viele Untersuchungen durch, suggeriert dies: Hier muss etwas Schlimmes zu finden sein, wenn selbst der Doktor keine Kosten und Mühen scheut.

Leider können wir auch nicht jeden Facharzt-Termin für unsere Patienten organisieren, denn dann wären wir nur noch mit Telefonieren beschäftigt. Für dringende Termine und Notfälle lassen wir alles stehen und liegen.

Kritikpunkt 4: Zuwenige Kekse
 
Patienten bringen eindeutig zuwenige Kekse mit. Pralinen mag ich nicht. Kekse und belegte Brötchen nehme ich gerne. 

Kritikpunkt 5: Nicht abwenden, sondern reden
 
Spaß beiseite. Nachdem ich nun so viel Kritik geübt habe, möchte ich natürlich noch darauf hinweisen, dass sich der Großteil der Patienten lieb, höflich und verständnisvoll uns Ärzten gegenüber verhält und dass ich offene Worte zwischen Arzt und Patient schätze. Wenn den Patienten etwas stört - sei es das Verhalten des Arztes, die Art der Kommunikation oder der Behandlungsverlauf - dann gilt umgekehrt natürlich ganz genauso: Ansprechen! Kritik erlaubt. Denn nur das macht uns besser. 


(Bildquelle: User Aitof, Pixabay.)