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Du wirst Landarzt. Punkt.

 

Wenn es jemand beurteilen kann, dann ich. Denn ich kenne es aus der täglichen Praxis: Es fehlen Hausärzte an allen Ecken und Enden und so gut wie jede Praxis, mit der ich gesprochen habe, ist heillos überlaufen. 

 

Die Patienten sind überall. An der Anmeldung, im Wartezimmer, im Flur, vor der Tür. Zum Teil bis auf dem Bürgersteig stehen sie und warten: Auf einen Termin beim Arzt, eine Anwendung, Rezepte oder auf Überweisungen. Je nach Organisationsstruktur der Praxis werden die Patienten besser oder schlechter kanalisiert und warten mal länger und mal ganz lange. 

 

Nichtsdestotrotz kann man feststellen: wir brauchen dringend Hausärzte.

 

Aber woran liegt es, dass niemand mehr diese Aufgabe übernehmen will?

Der Beruf an sich ist sehr schön. Man pflegt einen intensiven Kontakt zu seinen Patienten, betreut ganze Familien und Generationen, hat von jedem Krankheitsbild ein bisschen und es wird nicht langweilig. Mit einem schönen Team zusammen kann die Arbeit wie ein zweites Zuhause werden.

 

 

Fundierte und fragliche Förderprogramme 

 

Die Vorteile liegen auf der Hand. Und doch bleibt der Nachwuchs aus. 

Manche Bundesländer beginnen nun, Förderprogramme auf die Beine zu stellen, um junge Ärzte auf's Land zu locken.

Es gibt finanzielle Förderung für die Weiterbildung von Allgemeinmedizinern. Es gibt  finanzielle Niederlassungsförderung bei Übernahme einer Praxis in unterversorgten ländlichen Regionen. Das sind gute und brauchbare Programme, wenn sich jemand niederlassen möchte.

 

Und dann gibt es in einigen Bundesländern nun separate Studiengänge, die Interessierte zum Landarzt ausbilden sollen. Der junge Student verpflichtet sich, nach Abschluss zehn Jahre in unterversorgten Regionen als Hausarzt zu arbeiten. Bei Vertragsbruch drohen hohe Strafen: 250.000 Euro - die Kosten des Studiums. Sehr reizvoll. (Insbesondere, weil das Studium in Deutschland in den meisten Fällen ohnehin kostenfrei angeboten wird.)

 

Ich sehe das kritisch. 

 

Als ich junge Studentin war, wusste ich überhaupt nicht, was ich mit diesem Studium einmal anfangen soll. Eigentlich wollte ich alles, bloß nicht Landärztin werden. Einmal war es die Chirurgie, die ich liebte.  Dann wieder die Pathologie. Zeitweise fand ich Kardiologie ganz toll. Dann wollte ich unbedingt in die Forschung gehen.

 

Wer Medizin studiert, hat ehrlicherweise selten den Wunsch, Hausarzt zu werden. Große Ambitionen begleiten Studenten durch das Studium und jeder sieht sich bereits auf dem Chefarztposten.

 

Dass so viele Menschen am Ende doch in die Allgemeinmedizin gehen, hat meines Erachtens mit den oben genannten Punkten (patientenzentriert, breitgefächertes Spektrum, familiäres Arbeiten)  zu tun. Andererseits auch mit der fehlenden Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Klinik.

 

Doch man ist nicht einfach mal eben geborener Landarzt. Zu einem guten Arzt wächst man heran. Man studiert nicht „Arzt sein“ und ist mit der Approbation fertiger Landarzt. Man studiert Medizin und erarbeitet sich seine ärztlichen Qualifikationen während der Facharztausbildung. Dafür muss man durch manches Leid gehen, viele Erfahrungen machen und einen Blick für seine Patienten bekommen. Empathie kann man sich nicht im Studium erarbeiten, auch wenn das Studium gute Ansätze hat und mehr Kommunikation und Praxisbezug einbringt. Manchen Menschen fehlt Empathie jedoch vollkommen. Diese sind trotz aller Grundvoraussetzungen, die sie möglicherweise für den Beruf mitbringen, nicht geeignet für den Beruf des Hausarztes. Es gibt so viele hervorragende Ärzte, die nicht ein Fünkchen Empathie mitbringen. Diese sind wunderbar in der Forschung oder schweigenden Fächern aufgehoben. Das alles stellt sich allerdings erst im Laufe der Jahre heraus. Und auch, ob man Spaß daran hat. 

 

 

An anderen Stellen ansetzen

 

Ein weiterer Grund, der gegen ein Landarzt-Studium spricht: Das Fehlen der Hausärzte liegt zu einem großen Teil auch an den katastrophalen Strukturen, in denen wir arbeiten müssen.

 

Es fehlt eine angemessene Vergütung für die Patienten und es werden immer noch zu viele Regresse eingeleitet. Der Hausarzt an sich ist kein freiberuflich arbeitender Mediziner mehr, sondern verlängerter Arm der Kassenärztlichen Vereinigungen. Hausärzte bekommen Unterlagen zugeschickt, in denen sie der Vergleichsgruppe gegenübergestellt werden: Hat der Arzt zu viel von einem bestimmten Medikament verordnet? Wurde mehr Physiotherapie aufgeschrieben, als die Vergleichsgruppe es tat? Hat man gar zu viel Diagnostik betrieben?

Wer wenige Laboruntersuchungen anordnet, bekommt einen Bonus. Wer zu viel Physiotherapie verordnet, wird zuerst zu einem „kollegialen Gespräch“ gebeten, gegebenenfalls folgen dann die finanziellen Rückforderungen. 

 

Wer zu viele Patienten behandelt, bekommt für die Patienten, die oberhalb der Grenze sind, Abschläge berechnet. Ich kann den Grund schon verstehen: es soll verhindern, dass eine Praxis aus finanzieller Gier tausende Patienten durchschleust. Andererseits müssen die Patienten aber auch irgendwo behandelt werden. Wer Hausarzt wird, bringt ein gewisses Helfersyndrom mit sich und nimmt sich den hilfsbedürftigen Patienten an. Mit der Folge von großen finanziellen Einbußen. Manche Praxen ergreifen die Konsequenzen und schließen ihre Praxis ein bis zwei Wochen im Quartal, um dem Problem auf dem Weg zu gehen.

Der Hausarzt befindet sich also in der permanenten Prüfsituation.

 

Anstatt jungen Medizinern viel zu früh einen beruflichen Weg aufdrängen zu wollen, der sogar mit Strafen versehen ist, sollte man lieber an diesen Stellen ansetzen. Dann wäre es auch gar nicht erst so weit gekommen, dass man sich junge Hausärzte heranzüchten muss.

 

 

Anm.: Für den besseren Lesefluss verzichte ich auf das Gendern und meine mit Ärzten/Studenten/etc. immer alle Geschlechter!

 

Quellen:

https://www.wr.de/politik/landespolitik/so-bewerbe-ich-mich-fuers-landarzt-studium-id216479597.html

https://www.operation-karriere.de/karriereweg/medizinstudium/landarzt-gesucht-foerderprogramme-fuer-den-medizinischen-nachwuchs.html

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/4_Pressemitteilungen/2017/2017_1/170331_Masterplan_Beschlusstext.pdf

https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/Allgemeinmedizin-1.pdf

 

Bild: Pixabay, granderboy