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Gegen die Bibs helfen keine Antibiotika

Ein Patient - nennen wir ihn mal Herrn Müller - sitzt vor mir. Es ist Erkältungszeit. Husten, Schnupfen, Heiserkeit. In Hessen sagt man auch: die Bibs.

„Isch braach Antibiotika, des is des aanzichsde, wo hilft. Die Aache brenne so und isch hab des schon drei Daage. Isch muss doch schaffe.“

 

„Die Bibs“ ist in aller Regel nichts Schlimmes. Durch Viren ausgelöst bleibt die Erkältung etwa sieben Tage lang bestehen und lässt sich durch Medikamente allenfalls lindern. Denn sogenannte Virustatika, also Arzneimittel, die das Wachstum der Viren hemmen, werden nur bei schweren viralen Erkrankungen eingesetzt: z.B. im Falle einer Influenza (echte Grippe) bei stark erkrankten oder geschwächten Patienten oder bei generalisierten Herpes-Infektionen. 

Man kann also gegen Fieber, Kopf und Gliederschmerzen oder die verstopfte Nase etwas einnehmen, die Viren verschwinden dadurch nicht. Der Körper muss von alleine mit ihnen fertig werden.

 

Antibiotika helfen bei einer Erkältung erst recht nicht, weil diese nur gegen bakterielle Infektionen wirken. In seltenen Ausnahmefällen können Antibiotika eingesetzt werden, wenn sich auf die Erkältung eine bakterielle Infektion „draufgesetzt" hat: Eine eitrige Nebenhöhlenentzündung oder beispielsweise eine Lungenentzündung bei geschwächten oder alten Patienten sind typische Superinfektionen.

 

Die Zahl der Antibiotika-Verordnungen ist zurückgegangen, was sehr erfreulich ist in Zeiten, in denen wir Sorge haben müssen, dass Bakterien zunehmend resistent auf die gängigen Antibiotika werden und wir noch keine Geheimwaffe in petto haben.

Aber dennoch werden Antibiotika zu häufig bei falscher Indikation aufgeschrieben. Wo liegen die Ursachen dafür?

 

Eine Theorie dazu: Weil die Zeit fehlt.

 

Zeit ist Mangelware

 

Wir alle kennen die Berichte von Patienten, die bei ihrem Hausarzt waren und zusammen mit der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung aufgrund der Erkältung quasi ungefragt ein Päckchen Zauber-Antibiotika erhalten haben. To go. Wer hat noch nicht, wer will nochmal? 

Am besten noch eines mit einem möglichst breiten Spektrum, damit auch alles, was kreucht und fleucht, niedergemetzelt wird. Inklusive aller schönen Darmbakterien.

 

Warum passiert das?

 

Punkt 1:

Weil die Zeit für die Aufklärung der Patienten fehlt. Wenn jemand seine Erkältung möglichst rasch los werden möchte und das Zaubermittel verlangt, besteht nicht immer die Zeit für ausführliche Erläuterungen, wenn weitere 15 Personen auf der Warteliste stehen. Es gibt auch durchaus Patienten, die ungehalten reagieren, wenn das Medikament verwehrt wird. 

 

Die alternativen Therapieoptionen und die Hausmittelchen zu erläutern, kostet ebenfalls etwas Zeit.

Also wird von manchen Ärzten verordnet, was vom Patienten gewünscht wurde. 

 

Punkt 2: 

Die Patienten haben keine Zeit, gesund zu werden.

Bettruhe, Tee, Wadenwickel, eine Woche zuhause bleiben. Wer kann sich das heutzutage erlauben?

Patienten sitzen verzweifelt vor mir, wenn ich sie krankschreiben will: „Ich kann wirklich nicht fehlen… wir sind zu wenige in der Firma… mein Chef schmeißt mich raus.“

Die Ängste sind vielfältig, besitzen aber alle den gleichen Kern: Ich muss ganz schnell wieder gesund sein, weil sonst der Chef/der Kollege meckert/alleine ist oder ich gekündigt/gemobbt werde.

Wer sich mit Triefnase und Taschentuch in die Firma schleppt, wird zum Mitarbeiter des Monats ernannt und erhält eine Tasse Erkältungstee gratis. 

 

Natürlich kann man nun sagen: So ist unsere schnelllebige Welt nun mal.

Aber wenn man krank ist, ist man krank. So einfach ist das. Je schneller wir versuchen, gesund zu werden, umso schneller kommt der Rückfall.

Meine Oma sagte mal: „Du musst Dich einfach mal drei Tage nur ins Bett legen, dann bist Du wieder gesund“, und auch wenn Omas immer recht haben (ich betone: immer!), lachte ich herzlich. Selbst bei einer Krankmeldung sind da noch die Kinder zu versorgen, denn die Mehrgenerationenhaushalte mit Rundumdieuhr-Versorgung der Kinder durch mehrere Familienmitglieder gibt es kaum noch. 

Jeder muss funktionieren heutzutage. Meistens ganz für sich alleine. 

 

Die ausschweifenden Ausführungen zur Antibiotika-Verordnung mögen ein wenig weit hergeholt sein und treffen auch auf andere Medikamente zu. Sich bei Kopfschmerzen mal eine Ibuprofen zu genehmigen, damit kann man zur Arbeit gehen kann, ist absolut legitim. Sich bei 39 Grad Fieber mit Ibuprofen zu dopen, damit man den Arbeitstag übersteht, ist es nicht mehr. 

 

 

Wir können nicht immer nur funktionieren. Und wenn, dann aus eigenen Kräften und mit Zeit. Und nicht dank Antibiotika, Ibu und Co. 

 

 

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Bild: Pixabay, LoggaWiggler

Gender: Wie immer meine ich alle Geschlechter, auch wenn ich zugunsten des Leseflusses in der maskulinen Form schreibe.