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Mit dem Mut zur Katastrophe

Wahres Glück findet nur, wer den Mut zur Katastrophe hat.

 

Diesen Satz muss ich mir immer wieder sagen, wenn Zweifel an meinem eingeschlagenen Weg aufkommen und wenn andere Menschen mich nicht verstehen, weil sie einfach nicht ich sind. Sondern sie. Und ich und sie haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben, einfach weil wir unterschiedliche Gehirne haben. 

 

Sei vernünftig!

 

„Du musst doch was Vernünftiges machen.“

„Du weißt wahrscheinlich einfach nicht, was du willst.“

„Wozu hast du denn Medizin studiert?“

 

Meine aktueller Weg sieht so aus: ich habe eine Pause von der klassischen Patientenbetreuung gemacht, um zu schreiben. Artikel, Blogposts, ein Buch. Eigentlich zwei Bücher, weil ich im Hintergrund noch an einem Roman arbeite, der überhaupt nichts mit der Medizin zu tun hat, sondern eine Dystopie über den Zustand unserer Welt und den Umgang der Menschen damit. Ein bisschen Science-Fiction, ein bisschen Phantasy.

 

Manchmal werde ich gefragt, wie ich das mache, das Schreiben. Und ich kann es überhaupt nicht beantworten. Es ist einfach da, es ist in meinem Kopf und es muss raus. Mein Kopf kommt mir manchmal vor wie ein riesiges Autobahnkreuz, das man in der Nacht von oben im Zeitraffer filmt. Seitdem ich schreibe, werden diese Gedanken geordnet, finden ihre Ausfahrt und es kommt weniger zu Stau.

Manchmal fange ich an zu schreiben und eine Geschichte entwickelt sich von alleine. Wie ein lebendiges Wesen läuft sie einfach weiter und die Worte kommen aus meinem Mund oder fließen direkt in die Hand und den Text.

 

Es stimmt, vernünftig ist es nicht. Vernünftig wäre, wenn ich schon vor Jahren einfach immer nur bei einem Arbeitgeber geblieben wäre und meine Facharztausbildung zu Ende gebracht hätte. 

Vernünftig wäre, die Angebote anzunehmen und in den nächsten Jahren in einer Praxis einzusteigen. Irgendwann werde ich das tun. Ich träume davon, eine kleine, eigene Praxis zu haben und Medizin so zu machen, wie ich das für richtig halte: Mit Menschen zu sprechen und Zeit für sie zu haben. Und Zeit für mein Schreiben. Reich werde ich davon nicht werden. Aber glücklicher, als in den großen Betrieben.

 

Bis dahin muss ich auf meine innere Stimme hören. Und sie schreit. Sie schreit, dass ich diesen Weg weiter gehen muss und dass ich endlich aufhören soll, mich dafür zu zerfleischen, dass ich keine normale Ärztin bin. Immer wieder habe ich Anwandlungen von Vernunft und möchte wieder normal sein. Einfach meinem erlernten Job nachgehen, den ich wohl auch gut gemacht habe. Und dann schüttelt mich meine innere Stimme und sagt: „Hörst du jetzt wohl endlich auf damit. Vernünftig zu sein, ist aktuell nicht dein Weg."

 

Mein Tag braucht mehr Stunden

 

Ich möchte schreiben und habe einen Buchvertrag bekommen, was mich glücklich macht. Überall in meiner Wohnung sind Hefte, Zeitschriften und Bücher verstreut. Ich habe Spaß daran, Artikel anderer Leute zu redigieren. Ich lese mit Begeisterung Bücher, die sich mit Sprache und Grammatik beschäftigen.

 

Ich möchte In Zukunft mehr gesundheitspolitisch aktiv sein und mein Wissen der letzten zehn Jahre weitergeben. Ich möchte Zeit für meine Kinder haben und genieße es, dass ich meine Zeit einteilen kann. Ich möchte meinen Sport, meine Kocheskapaden, meinen Garten und meine Freundschaften pflegen. Ich möchte so viel, dass mein Tag 36 Stunden bräuchte. 

Ich möchte irgendwann den Facharzt machen und danach eine kleine Praxis besitzen. So viele Pläne habe ich in meinem Kopf, die ich alle unmöglich jetzt umsetzen kann. 

 

Aber jetzt müssen die Worte und die Geschichten, die in meinem Kopf sind, nach draußen. Mit dem Mut zur Katastrophe. 

 

 

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Bild: comfreak (Pixabay)