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Die Seele geht zu Fuß

Ich will joggen. Raus ins Feld, den Wald, auf die Straße, in die Ruhe. Wenn ich viel sitzen musste oder mein Kopf mal wieder rast, muss ich rasen. Oder es versuchen, denn ich bin leider ziemlich lahm. Eine Rennschnecke, sozusagen. 

 

Gerade erst bin ich losgelaufen und meine Lunge beschwert sich schon. Zu schnell. Wie immer startete ich zu schnell. Ich bin wirklich keine gute Läuferin. Schwimmen und Mountainbiken liegen mir mehr.

Schwimmen kann ich 80 Bahnen zügig, ohne Probleme. Mit dem Bike fahre ich wie eine Irre durch den Wald und liebe es, wenn die Bäume an mir vorbei rauschen. Nur bergauf muss ganz schön pumpen. Und Wandern kann ich stundenlang, Kilometer um Kilometer.

Aber bei keiner Sportart bekomme ich dieses Glücksgefühl, das mir das Laufen beschert, wenn ich mal die Anfangsschwierigkeiten überwunden habe. 

 

Schon beim ersten Kilometer muss ich langsamer machen und ich merke, dass die Betablocker, die ich wegen einer angeborenen Herzrhythmusstörung nehmen muss, mich einschränken. Obwohl ich sie schon 15 Jahre lang nehme, brauche ich immer wahnsinnig lange, bis mein Herz „anspringt“. Ich komme mit der Herzfrequenz nie über 150 bpm, und wenn ich mit dem Laufen beginne, liege ich nur knapp um die 100 bpm. 

 

Also langsamer laufen. Modus „alter Herr mit Rollator“.

Die kalte Luft strömt in meine Lunge und das Atmen fällt mir immer noch schwer, ich habe einen leichten Geschmack von Blut in meinem Mund und atme regelmäßiger. Noch langsamer kann ich nun wirklich nicht laufen. 

Einen Schritt vor den nächsten, mit Blick auf die Bäume rechts und links neben mir und mit Jennifer Rostocks „Ein Schmerz und eine Kehle“ im Ohr. Von ihr lasse ich mich gerne anschreien. 

Ich konzentriere mich auf die Atmung und die Umgebung, die mich zur Ruhe bringt. Das goldgelbe Herbstlaub leuchtet wunderschön, der erdige Waldweg windet sich in kleinen Kurven und ich werde vom Wald verschluckt.

 

Langsam komme ich in den Rhythmus und plötzlich geht’s leicht. Meine Beine laufen von alleine, meine Gedanken fangen an zu fließen und die Endorphine sind da. 

 

„Die Seele geht zu Fuß“, lautet ein Sprichwort und ich könnte es mir als alternatives Arschgeweih über die Laufhose tätowieren lassen. Schade, dass ich nie im Leben einen Marathon schaffen werde. Sobald ich zuviel laufe, bekomme ich wieder Extrasystolen, die mir Angst machen. 

Seitdem mein Herz verdrahtet ist, mache ich endlich wieder richtig Sport. Die Angst, einfach umzufallen und nicht mehr auf dieser Welt zu sein, hatte mich oft abgehalten. Nun habe ich den Defibrillator und er holt mich dann hoffentlich zurück, sollte ich beim Sport irgendwo liegenbleiben. 

 

Bei Kilometer fünf werden meine Beine schwer, aber mein Herz ist endlich in Schwung gekommen. Sollte ich jetzt und hier umfallen, bin ich irgendwie glücklich von dieser Welt gegangen. Laufenderweise voller Endorphine, dankbar für die besten Kinder der Welt, die gut versorgt sein würden und mit einem Job, der mich glücklich macht. Gerne hätte ich irgendwann noch Denjenigen an meiner Seite, der mit mir läuft. Oder nach dem Laufen zuhause auf mich wartet. Dann wäre es perfekt. Solange ist es zu 90 Prozent perfekt.  

Noch vor wenigen Jahren musste ich mir Sorgen machen, ob ich überhaupt alt werde. Jetzt bin ich dank elektronischem Notarzt so fit, wie mit Ende Zwanzig nicht. 

 

Die letzten Meter rappt Juju mir ihr "Hardcore High" ins Ohr, aber ich brauche bloß mein Runners High. 

 

Ich werde immer Sport machen. Immer.