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Die Sache mit den Klößen

 

"Der Peter war ein Renomist, ihr wisst vielleicht nicht, was das ist…“. Dieses Gedicht von Erich Kästner kommt mir in den Sinn, wenn ich an einen bestimmten Tag auf der internistischen Station denke.

„Als man einmal von Essen sprach, da dachte Peter lange nach. Dann sagte er mit stiller Größe: ich esse manchmal 30 Klöße!“ 

 

Ich hatte eine tolle PJ-lerin, aka PJane Katrin. Eine Medizinstudentin, die sich im letzten Jahr ihrer Ausbildung befand, im sog. Praktischen Jahr. Sie nahm mir morgens die Blutentnahmen und das Legen von venösen Zugängen ab.

 

 

Rückblick

 

An dem Tag kommt Katrin also zu mir und bittet mich, dass ich bei einer Dialyse-Patientin mit grauenhaften Venen Blut abnehmen möge.

 

Dialyse-Patienten sind blutentnahmetechnisch tatsächlich eine Herausforderung, denn sie besitzen an einem Arm den sog. Shunt. Das ist eine künstlich geschaffene Verbindung von Arterie und Vene, um große Mengen Blut in den Körper ein- und ausschleusen zu können. 

 

Diese Stunts sind etwa daumendick und man mag sich denken, dass es doch leicht sei, hier Blut abzuzapfen. Aber nein, bloß nicht! Der Arm ist tabu, der Shunt muss unversehrt bleiben. Blöderweise sind bei nierenkranken Menschen die restlichen Blutgefäße meist sehr brüchig, so dass man mit kleinsten Nädelchen stechen muss. 

 

Ich schreite also zur Tat und begebe mich todesmutig in das Zimmer, in dem ich eine ziemlich übergewichtige Patientin gerade bei der Nahrungsaufnahme vorfinde. 

Sie sitzt an der Bettkante und genießt das auf dem ausklappbaren Tisch vor ihr befindliche, köstliche Krankenhausessen. Es gibt Königsberger Klopse mit Reis. 

 

Und ich scheine zu stören.

 

Wir erinnern uns: Die Venen sind brüchig. Und die Dame ist dick, also sind die brüchigen Venen kaum zu finden. 

 

Also knie ich mich zur Optimierung der Blutentnahme-Bedingungen vor der zu Tisch sitzenden Patientin hin und suche den einen zur Verfügung stehenden, voluminösen Arm nach Venen ab. 

Was die Dame nicht im geringsten davon abhält, ihren Hunger zu stillen. Denn als ich gerade stechen möchte, vernehme ich plötzlich eine Bewegung im Augenwinkel und sehe einen Königsberger Klops über mir schweben. 

 

Der Mund der Patientin öffnet sich in Zeitlupe und in Slowmotion sehe ich, wie die hungrige Dame  den Klops auf sich zu balanciert. Über meinen Kopf hinweg. 

 

Inzwischen befindet sich die Nadel erfolgreich in einer Vene und der Klops schwebt immernoch über mir. 

Stoßgebete zum Himmel schickend, dass dieser mir nicht auf den Kopf fällt, entnehme ich das Blut und traue mich kaum zu atmen. Jede Erschütterung hätte das empfindliche Klops-Gleichgewicht stören könne. 

 

Schließlich kamen wir aber beide zum erfolgreichen Abschluss: Blut im Röhrchen, Klops im Mund!