Lebenspapier

Ein Text ist etwas Lebendiges. Etwas, das sich mit jedem Wort, jedem Satz und jedem Gedanken verändert. In gewisser Weise ist man kreativer Schöpfer, wenn man vor einem weißen Blatt Papier steht oder sitzt und es mit Leben füllen kann. Der Text wächst Wort für Wort und du siehst ihm dabei zu. Du gestaltest ihn, schmückst ihn aus, gibst ihm Lebendigkeit und Farbe oder zerstörst ihn wieder. 

 

Manchmal laufe ich tagelang durch meinen Alltag und überlege parallel, wie ich eine gute Geschichte oder einen spannenden Text zu Stande bringen könnte. Oft schleicht sich eine klitzekleine gute Idee durch meine Hirnwindungen - bis der Alltag kommt und die kleine, feine Idee wild stampfend niedertrampelt. 

Es gibt sicherlich auch die eine oder andere Idee, die den tätlichen Angriff überlebt, aber man kommt nicht wirklich weiter und stampft diese dann selbst ein.

 

Einfangen und Anfangen

 

Das Einzige, was wirklich hilft: Einfangen und Anfangen. Fang die kleine, feine Idee ein. Hüte sie, bewahre sie und pflege sie. Und dann lass sie gedeihen, wachsen und groß werden. 

 

Es ist doch, wie mit allem im Leben: Man hat seine Ideen und Träume, die man gerne verwirklichen möchte, aber nicht weiß, wann und wie man anzufangen hat. Die Ideen häufen sich, Fantasien über eine rosige Zukunft bauschen sich auf und man verliert sich Wochen bis Monate lang in seinen Plänen, die man doch garantiert und ganz sicher und ganz bald umsetzen wird. „Irgendwann werde ich...!“

„Wenn ich mehr Zeit habe, mache ich…!“

„Wenn ich könnte, würde ich…!“

 

Irgendwann schaut mal auf den Kalender und bemerkt, dass die Hälfte des Jahres schon wieder an einem vorbeizog, ohne dass man sich von seinem angestammten Fleck fortbewegt hat. Die Pläne sind die Gleichen. Die Träume sind die Gleichen. Und der Alltag ist auch immer noch der Gleiche. 


Dabei ist Alltag an sich nichts Schlechtes, ich möchte ihn nicht grundlos diffamieren. Alltag gibt Grenzen und Strukturen, Alltag schafft Regeln für ein normales Leben, in dem man sich seine Brötchen verdient, seine Freundschaften und Familie pflegt und seinen Geist in gewisser Weise auch mal ausruhen lassen kann. 


Alltag kann für Menschen jedoch auch belastend sein, wenn die Eintönigkeit und die Unzufriedenheit mit der Lebenssituation oder dem Beruf überhand nimmt oder die Stille der Einsamkeit zu laut wird.

 

Neue Wege gehen

 

Der Mensch hat es am liebsten, die von ihm gewünschten Veränderungen auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen. Das mag nicht bloß Faulheit oder Ignoranz, nein. Es ist schlicht und ergreifend die Tatsache, dass wir Gewohnheitstiere sind und der Mensch an sich schon sechs Wochen braucht, um sich an neue Situationen zu gewöhnen. Und von dem Wunsch und der Akzeptanz, etwas an seinem Leben ändern zu wollen -zu müssen?-  bis hin zur Umsetzung dessen und schließlich auch der Beibehaltung der neuen Strukturen ist es ein verdammt langer Weg. 


Irgendwo auf diesem Weg kann man durchaus stolpern, scheitern, eine Abzweigung nehmen oder zurück auf Los gehen. Wichtig ist dann, sich wegen des Stolperns, Scheiterns oder der genommenen Abzweigungen nicht zu verteufeln. 

 

Wer stolpert, kann wieder aufstehen.

Wer scheitert, hat es wenigstens versucht. Denn nicht geschossen ist schließlich auch daneben.

Wer eine Abzweigung nimmt, kann wunderschöne neue Wege für sich entdecken. Und wer zurück auf Los geht, bekommt eine neue Chance.

 

Dann ist es auch nicht wichtig, dass andere Menschen einen vielleicht überholt haben, denn der Erfolg der anderen Menschen ist nicht das, woran man sich messen sollte. Das eigene Tempo ist möglicherweise ein anderes. Nicht für jeden Menschen ist eine 180°-Wende im Leben das Optimale. Oft ist es eher das Gegenteil, wie die viel zitierten Beispiele von millionenschweren Lottogewinnern immer wieder beweisen.

 

Wer langsam spazieren geht, kann am Wegesrand kleine Geheimnisse und ganz viel Leben finden. Wer beruflich unzufrieden ist, kann durch ein neues Hobby und Pflegen von Freundschaften auch schon ein gutes Stück Lebensqualität zurück gewinnen. Und wie sehr man seinen inneren Schweinehund überwinden muss, um sich in eine neue Materie einzuarbeiten, sich zum Sport aufzuraffen oder auch bei schlechter Laune seine Freunde anzurufen und soziale Kontakte zu pflegen, weiß jeder Mensch. Auch das sind Veränderungen, die es zu würdigen gilt.

 

Wer lieber sprintet, ist schneller am Ziel und erntet dafür Beifall. Er läuft jedoch Gefahr, auf der Strecke seine Puste und die Kraft zu verlieren.


Welcher Weg für einen Menschen persönlich der Bessere ist, bleibt jedem selbst überlassen. Wichtig ist aber, dass man es macht. Dass man einfach anfängt, auch wenn es nur kleine Schritte sein mögen, die einem so nichtig vorkommen, dass man das Vorhaben ganz an den Nagel hängen möchte.

 

Unser Blatt Papier sollte nicht weiß bleiben.

Manchmal kommen Menschen, und machen ein Eselsohr in unser Lebenspapier hinein, oder reißen das Blatt einmal quer durch. Manchmal wird es zerknüllt und weggeworfen. Dann muss man Tesafilm holen und es kleben. Mit einem Bügeleisen glätten. Die schlimmen Bilder übermalen. Oder auf der Rückseite neu anfangen. Wessen Blatt am Ende des Lebens rein und faltenfrei ist, hat nicht gelebt. 

Wir sind die Autoren unserer Lebensgeschichte. Wir beschreiben unser weißes Blatt Papier. Wir entscheiden, ob es bunt, schwarzweiß, krakelig oder ordentlich wird. 

Oder ob wir es zu einem Papierschiffchen falten und nach Hawaii segeln.

     

 

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