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Helicoptermom

Es war vor ungefähr zwei Jahren. An einem ganz normalen, wahnwitzigen Abend in der Notaufnahme wurde ein junger Mann (Einschub: in der Inneren Medizin gilt alles unter 50 Jahren als jung) eingeliefert, der angab, unter ausgeprägtem Herzstolpern und Luftnot zu leiden. 

 

Es folgte also das übliche Procedere: den Patienten zur Überwachung an den Monitor anschließen, um die Herzfunktion, die Sauerstoffsättigung und dem Blutdruck regelmäßig kontrollieren und alles im Blick haben zu können. Dann die Blutentnahme und das Schreiben des Routine-EKG. 

Schon vor dem ersten ärztlichen Gespräch stellte sich anhand des EKG’s heraus, dass der junge Mann von etwa 45 Jahren unter speziellen Herzrhythmusstörungen litt, die zwar behandlungsbedürftig, aber nicht lebensbwdrohlich sind.

 

Nun galt es also zu eruieren, warum dem so ist, denn schließlich ist dies auch keine Selbstverständlichkeiten bei einem eher jungen Patienten. Es muss also herausgefunden werden

  1. seit wann er unter den Symptomen litt,
  2. ob er solche Episoden schon des Öfteren erlebt habe,
  3. welche Vorerkrankungen bestehen,
  4. welche Medikamente er einnehme.

 

Der Patient machte einen sehr aufgeräumten und klaren Eindruck. Schlank, gut gekleidet, gepflegt. Er wirkte sehr gebildet und wir führten ein sehr informatives Gespräch.

Bis die Tür aufging (bzw. flog) und eine überschminkte, aufgebrachte Dame gehobenen Alters herein stürmte.

 

Schon vor Eintritt der neuen Datenschutzverordnung war es natürlich ein Unding, ohne anzuklopfen oder ohne zu fragen in ein Patientenzimmer herein zu rauschen wie eine Horde Wasserbüffel.

Da die Dame sich dann aber quietschend auf meinen Patienten stürzte, sein Gesicht mit Küssen bedeckte und verzweifelte Töne von sich gab, ging ich einfach mal davon aus, dass die beiden zusammen gehörten. Ich wunderte mich ein wenig über die ungewöhnliche Konstellation und den Altersunterschied dieses Liebespaares, wirkte er doch so normal und aufgeräumt und sie so aufgebracht und überdreht. Innerlich schusterte ich ihm einen Ödipus-Komplex zu und ihr ein seltsames Faible für junge Männer.

Als sie aber schließlich zu reden begann, wären die Rhythmusstörungen des jungen Mannes beinahe auf mich übergegangen, denn sie öffnete ihre Besorgnistirade mit sen Worten: 

„Sie müssen meinem Jungen helfen!“

 

Ich versuchte, die Fassung zu bewahren und erklärte der besorgten Mutter, dass wir gerade in einem Untersuchungsgespräch wären und dass wir noch keine genaueren Ergebnisse hätten. Sie möge sich bitte gedulden und die Ergebnisse abwarten, sofern der Sohnemann sie mit ihr teilen möge.

 

Mama wünschte sich vorab die Verlegung ihres Sohnes in eine spezialisierte Herzklinik. Und ich versuchte ihr vorsichtig klarzumachen, dass ihr Sohn zwar sicherlich unter Beschwerden litt, aber kein Fall für eine nächtliche Verlegung in eine Spezialklinik sei. Ich würde mich aber natürlich gerne und sofort und schnellstmöglich hochachtungsvoll am nächsten Tag darum kümmern. 

 

Frau Mama reagierte ungehalten. Wir würden ja schließlich sehen, wie schlecht es ihrem Jungen gehen würde, dann müsste man doch etwas tun. Ich konnte schließlich kein vernünftiges Wort mehr mit meinem Patienten wechseln, weil sie mir regelmäßig ins Wort fiel und ihren Sohn nicht ausreden ließ.  Er ließ die Situation stillschweigend über sich ergehen und Mama für sich antworten. Bis es mir zu bunt wurde. Ich gebot der bunten Dame, vor die Tür zu gehen, was sie lautstark und protestierend zur Kenntnis nahm und fluchend den Raum verließ.

 

Endlich konnte ich mich ganz normal meinen Patienten kümmern und die weiteren Therapieschritte einleiten. Schließlich wurde er zur weiteren Behandlung auf die Station verlegt.

Etwa zwei Stunden später (das war etwa 22:00 Uhr abends) erhielt ich über die Pforte einen Anruf auf meinem Diensttelefon. Wer nicht gerade im Gesundheitssystem beschäftigt ist, dem möchte ich sagen, dass das Diensttelefon tatsächlich nur für den internen Gebrauch vorgesehen ist. Das Personal telefoniert damit untereinander, der diensthabende Arzt ist für Kollegen und Pflegepersonal erreichbar und wer von außen mit dem Diensthabenden telefonieren möchte, wird über die Pforte verbunden. Die Telefonnummer wird nicht nach extern herausgegeben.

 

Es klingelte also und die Pforte bat mich, mit einer sehr aufgebrachten und hysterischen Frau zu telefonieren, deren Kind wohl bei uns im Krankenhaus läge.

Verwundert ging ich ans Telefon, denn Kinder behandelten wir nur in absoluten Notfällen.

 

Und da war sie wieder: Supermom.

 

Sie beschwerte sich lautstark, dass ihr Sohn sich noch immer in unserem Haus befände. Sie habe doch schließlich den Wunsch geäußert, dass er in eine renommierte Herzklinik überwiesen werden solle, dort kenne sie schließlich den Herrn Professor. Tatsächlich hatte ich mit besagter Klinik telefoniert, weil der Zustand der Dame höchst pathologisch war. Um Sohnemännchen machte ich mir weniger Sorgen. Und natürlich hatte die Herzklinik meine nächtliche Verlegung nicht gewünscht, der Aufnahme des Patienten am Folgetag aber zugestimmt. Dies versuche ich ihr zu erklären. Sie wurde aber immer wütender und schrie am Telefon, dass sich jemand gefälligst um ihr Kind kümmern soll. Da ich finde, dass niemand im Gesundheitssystem Fußabtreter spielen muss, forderte ich ihr gegenüber einen vernünftigen Umgangston mit mir ein, da ich die Unterhaltung sonst beenden würde. 

 

 

Sie entschuldigte sich mit den Worten: „Aber der Junge ist doch noch so klein.“

 

Der kleine Junge befand sich noch 24h in unserer Obhut, weil die renommierte Herzklinik keine Kapazitäten mehr hatte. Aber da war ich bereits dienstfrei... 

 

 

(Bild: ZPhotoo, Pixabay)

 

 

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