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Alkoholismus bei Frauen

Ich war noch als Stationsärztin beschäftigt, als über die Notaufnahme unseres kleinen Krankenhauses eine Patientin mit Bluterbrechen aufgenommen wurde.

Auf den ersten Blick fiel auf, dass die Haut der gepflegten und gut gekleideten Patientin gelblich erschien. Wir versorgten die Patientin in der Notaufnahme. Es wurden Braunülen gelegt, Blut für Untersuchungen abgenommen und Infusionen zur Aufrechterhaltung des Kreislaufs verabreicht. Mit Verdacht auf eine obere gastrointestinale Blutung (also a.E. aus dem Magen) wurde die 45jährige Patientin notfällig gastroskopiert, um die Blutungsquelle ausfindig zu machen. 

 

Der Magen war zwar zum Teil mit Blut gefüllt, doch eine beschädigte Magenschleimhaut konnte nicht ausfindig gemacht werden. Man fand stattdessen mehrere Krampfadern in der Speiseröhre, die nur bei einem schwerem Leberschaden entstehen. 

Der Verdacht lag nahe, dass die Dame an einer Blutung aus einer der Krampfadern litt, einer sog. Ösophagusvarizenblutung, doch auch hier wurde man nicht fündig. 

 

Die Laboruntersuchungen zeigten einen deutlichen Blutverlust. Auffällig war auch, dass die Gerinnungswerte nicht messbar waren. Es zeigte sich in der Sonographie eine Leberzirrhose, ferner sah man Aszites (Bauchwasser), eine große Milz und nebenbefindlich am ges. Bauch erweiterte, gestaute Blutgefäße.

 

Am Folgetag kam es wieder zu Blutverlusten und diesmal offenbarte sich die Blutungsquelle:

Die Patientin blutete diffus aus dem gesamten Mundraum. Aus kleinsten Schleimhautrissen, die aufgrund des Leberversagens und der damit fehlenden Gerinnungsfaktoren nicht zu verschließen waren. 

Es wurden schließlich Transfusionen mit Gerinnungsfaktoren verabreicht, um die Blutungen zu stoppen. 

 

Wir führten viele Gespräche, um die Ursache für den Leberschaden ausfindig zu machen. Ein starker Alkoholkonsum wurde durch die Patientin verneint. „Gelegentlich mal ein Glas Wein.“

 

Es war ein „schwieriger Fall“, denn alle anderen Ursachen für eine Leberzirrhose waren negativ. 

Irgendwann bat mich der Ehemann um ein Gespräch. Der Partner arbeitete sehr viel, befand sich häufig auf Geschäftsreisen, die Kinder waren inzwischen recht jung aus dem Haus gegangen. Der Ehemann berichtete, dass die Patientin seit Jahren heimlich Wein trinke. Wieviel, könne er nicht sagen, aber er habe im Keller hinter einem Vorhang einen Tetrapak Wein und ein Glas gefunden. Schließlich kam nach vielen Gesprächen zum Vorschein, dass die Patientin bereits seit Jahren über den Tag verteilt 1-2 l Wein trank. 

 

Auch eine andere Frau beschäftigte mich sehr. Sie kam regelmäßig alle zwei Wochen in die Ambulanz, um sich Aszites abpunktieren zu lassen, denn ihre Leber war ebenfalls so zerstört, dass sie durch das Bauchwasser wie eine hochschwangere Frau aussah. Die Patientin war intelligent, nett, gepflegt und eloquent. Also vollkommen anders, als man sich einen Alkoholiker*in vorstellt. 

 

Frauen trinken anders

 

Natürlich kann und will ich hier nicht das stereotype Bild eines Alkoholikers zeichnen. Aber es ist doch so, dass meiner Erfahrung nach die Frauen anders trinken. 

 

Männern wird früh beigebracht, dass Trinken (i.S. von Alkohol konsumieren) „männlich“ ist. Wie ein Männlichkeitsritual wird es betrieben: je mehr desto besser; je mehr, desto männlicher. Der pubertierende Junge, der mit einer Alkoholvergiftung in die Notaufnahme eingeliefert wird (und damit auf Kosten des Gesundheitssystems gesoffen hat), hat nach Entlassung für den Rest seines Lebens einen Schwank aus seiner Jugend zu erzählen. Haha, wie lustig, darauf ein Getränk, Prost. 

Aus diesem Grunde gleiten Männer oft aus Geselligkeit in die Sucht ab und entkommen dem sozialen Druck kaum. Am Wochenende wird gefeiert. Das Feierabendbierchen gehört dazu. Fußball ohne Bier? Undenkbar.

 

Frauen, die betrunken sind, sind peinlich, so die gängige Meinung. Besoffene Frauen findet jeder lustig, aber keiner klopft ihr auf die Schulter und gratuliert ihr zu dieser Erfahrung. 

Frauen verlieren den Respekt anderer Menschen, wenn sie in größeren Mengen trinken. Dieses unausgesprochene Gesetz gilt noch heute und ist die Grundlage des heimlichen Trinkens bei Frauen. Sie trinken eher aus psychischen Probleme und aus dem Wunsch heraus, sich das Leben zu erleichtert. Die alltäglichen Belastungen, Perfektionismus oder traumatische Erlebnisse sind häufige Auslöser, wenn Frauen zur Flasche greifen. 

 

Während meines Studiums habe ich in einer Studentenkneipe gearbeitet und kann das Trinkverhalten an dieser zugegebenermaßen sehr kleinen Stichprobe bestätigen. Die Männer tranken ihr „Bierchen“ (oder auch zwei oder drei), weil das zum Job als Barkeeper irgendwie dazu gehörte. Kein Mensch würde es in Frage stellen. 

Die Frauen tranken vor der Schicht (zum Teil um 14 Uhr) Prosecco. Jedoch nicht aus guter Laune, sondern weil der Tag bisher so anstrengend war. Und jeder fragte sich: "Warum trinkt sie jetzt schon?“ 

 

Die männlichen Stammgäste kippten ein BIer nach dem anderen an der Bar. Die sich dazu gesellenden Frauen waren zwar gern gesehen und wurden fleißig abgefüllt, doch waren diese Damen nicht mehr als ein Aufriss für eine Nacht. Mit einer Frau, die sich so gehen lässt, will "Mann" nichts Ernstes. 

 

Offizielle Daten

 

Der Drogen- und Suchtreport der Bundesregierung von 2017 beschreibt zwar ein insgesamt abnehmendes Konsumverhalten für beide Geschlechter. Beim episodischen Rauschtrinken und der Konsummenge nähern sich beide Geschlechter jedoch an. Gerade bei Frauen stieg die Prävalenz um drei Prozentpunkte auf 16,1%. Die durchschnittliche Konsummenge bei Frauen beträgt 8,5 g reinen Alkohols pro Tag. Deutschland zählt insgesamt trotz eines rückläufigen Konsumverhaltens bei einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Konsum von 12,14 l reinen Alkohols pro Jahr zu den Hochkonsumländern. Der weltweite Durchschnitt beträgt 6,04 l pro Kopf. 

 

Bei Frauen beträgt die riskante Menge Alkohol 12g pro Tag, Männer vertragen mit 24 g/d deutlich größere Mengen Alkohol, was zum einen an der unterschiedlichen Fettverteilung im Körper sowie an einem schnelleren enzymatischen Abbau bei Männern liegt. 

 

Frauen gleiten dadurch rascher in den Alkoholismus ab. Leider können alkoholabhängige Frauen nicht in dem Maße mit Unterstützung rechnen, wie es den Männern zuteil wird. Männer wenden sich oft von alkoholkranken Frauen ab, weil es Ihnen peinlich ist. Weil sie hilflos sind. Weil die Frau plötzlich schwach ist. 

Frauen versuchen, ihre alkoholkranken Partner zu unterstützen und entwickeln nicht selten eine Co-Abhängigkeit, die sie dazu  bringt, den Männern Alkohol zu kaufen, die leeren Flaschen zu entsorgen oder den Arbeitgeber anzurufen und den verkaterten Ehemann wegen Krankheit zu entschuldigen. 

 

Natürlich zeichne ich hier Klischees, doch es steckt Wahrheit dahinter. 

Die oben beschriebenen Patientinnen konnten ebenfalls auf keine Unterstützung durch den Partner hoffen und waren letztlich alleine. Die Sucht kann Ihnen allerdings auch niemand nehmen, außer sie selbst. Man kann sich jedoch Hilfe von außen holen. Der erste Ansprechpartner kann der Hausarzt sein, eine Suchtberatung vor Ort oder die Online-Suche im Internet. 

 

Auswahl

 

https://www.kenn-dein-limit.de/handeln/beratungsstellen/ (Online-Angebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

http://www.kmdd.de/adressen-und-links-zur-sucht--und-drogenberatung-deutschland.htm (Keine Macht den Drogen)

https://www.caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/suchtberatung/suchtberatung (Online-Beratung der Caritas)

https://www.anonyme-alkoholiker.de 

 

Quellen:

https://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/dateien-dba/Drogenbeauftragte/Drogen_und_Suchtbericht/flipbook/DuS_2017/index.html#p=1

 

www.a-connect.de

 

Alkoholabhängigkeit und riskanter Alkoholkonsum, G. Bartsch, C. Merfert-Diete, 

B. Badura et al. (Hrsg.) Fehlzeiten-Report 2013,

DOI 10.1007/978-3-642-37117-2_8, © Springer Verlag Berlin Heidelberg 2013 

 

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