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Das ruhig gestellte Kind

Immer mehr Kinder in den Vereinigten Staaten werden mit Psychopharmaka gegen Verhaltensauffälligkeiten behandelt. Das zeigt ein Artikel von Dinci Pennap der Universität Maryland.

Von den 35244 untersuchten Kindern in den USA erhielten 20% bis zu ihrem achten Lebensjahr eine psychiatrische Diagnose und 10% der Kinder wurden mit Psychopharmaka behandelt. Besonders erschreckend: Dreiviertel der Medikamente sind für die Behandlung von Kindern von der FDA (Federal Drug Administration) nicht zugelassen. Das heißt auch: über Risiken und Nebenwirkungen sowie Langzeitfolgen bei Kindern gibt es keine Daten. 

 

 

Psychiatrische Diagnose heißt: Die Kinder sollen an Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS), Lernschwierigkeiten und Störungen des Sozialverhaltens leiden, wobei den Jungen eher das ADS und den Mädchen die Angststörung zugeschustert wird. 

 

Interessanterweise erhielten Kinder meist bereits bis zu einem Alter von 3 Jahren die Diagnose einer Lernschwierigkeit. 


[Kleiner Einschub, bevor ich weiter schreibe: natürlich gibt es Kinder mit psychiatrischen Diagnosen und diese möchte ich nicht ins Lächerliche ziehen. Diese Kinder benötigen jede Förderung und ganz viel Liebe. Den Eltern gebührt jeder Respekt und viel Verständnis. Die steigende Anzahl der gestellten Diagnosen lässt jedoch Raum zur Diskussion.]

 

Was stimmt mit unseren Kindern nicht? 

  1. Werden unsere Kinder immer verrückter? 
  2. Untersuchen wir inzwischen einfach jeden Aspekt des Lebens und lassen wir unsere Kinder nicht mehr Kinder sein? 
  3. Oder lassen wir uns von einer Gesellschaft leiten, in der die Erwachsenen tagtäglich funktionieren müssen und übertragen den Leistungsgedanken auf unsere Kinder?

 

Fragen wir unsere Eltern und Großeltern, dann verroht unsere Jugend. Sie soll lauter, ungebildeter, langweiliger, desinteressierter usw. usf. sein. Aber seien wir mal ehrlich: War sie das nicht schon immer? War die Jugend nicht schon immer konträr zu den Erwachsenen und ist es nicht genau deren Aufgabe, sich abzugrenzen?

Meine Großeltern fanden es unerhört, dass ich mit 15 Jahren wie ein Junge herumlief und mit 18 Jahren, als wäre meiner Kleidung der Stoff ausgegangen.  

In den 50er-Jahren waren die Beatles eine Revolution der Jugend. Man bedenke nur diesen Haarschnitt! Dann kamen die Hippies, die freie Liebe zelebrierten und ihre Eltern in den Wahnsinn trieben. Dagegen ist die "heutige Jugend" doch eher harmlos? 

 

Dann hört man die alten Herren sagen: „Damals sind wir alle Straßenjungen gewesen. Mit aufgeschlagenen Knien und dreckigen Klamotten. Heute darf ein Junge kein Junge mehr sein.“ Kinder - Jungen als auch Mädchen- dürfen nicht mehr auf der Straße spielen. Zu gefährlich, es passieren zu viele schlimme Dinge. Den Gedanken kann jedes Elternteil nachvollziehen. Aber das ist nicht das Problem der Kinder. Sie sind nicht verrückt, sie haben nur keine Möglichkeiten, sich auszuleben. 

 

"Ich will ja nur das Beste für mein Kind", hört man die Eltern sagen. Und sicherlich ist den wenigsten Eltern böser Wille zu unterstellen, wenn sie ihr Kind mit Hilfe von kleinen Pillchen zu Höchstleistungen antreiben wollen. Schließlich soll das Kind es bitteschön im Leben zu etwas bringen. Abitur machen, studieren, gutes Geld verdienen. Besser sein als andere zudem, weil nur gut sein eben nicht reicht.

 

Wenn das Kind mit einem Jahr noch nicht laufen kann wie das Kind der um-drei-Ecken-Bekannten aus dem PeKiP-Kurs, dann kann ja etwas nicht stimmen.

Oder wenn es mit zwei Jahren noch keine Zwei-Wort-Sätze spricht. Wo kämen wir denn dahin, wenn das Kind eventuell im Alter von drei Jahren noch kein Kinderlied mitsingen kann.

 

Also wird gefördert. Je früher desto besser. Mit Babymassage, PEKiP-Kurs, Englisch für Kleinkinder und Achtsamkeitstraining für Vorschulkinder soll den Unzulänglichkeiten auf den Leib gerückt werden. Die Eltern übertragen ihre  Angst vor dem Scheitern auf ihre Kinder und erhoffen sich einen Sinn in ihrem eigenen Leben durch den Erfolg des Nachwuchses. Zur Not eben mit Hilfe von Medikamenten. Damit sie sich konzentrieren und lernen können, in der Schule nciht stören, angepasst sind und artig. 

 

 

Wie wäre es stattdessen, sich persönlich mit dem Kind zu beschäftigen? Kindgerecht. Das ist auch nach Feierabend möglich. Lieber 1,5 Stunden intensive Zeit mit dem Kind verbracht zu haben als 8 Stunden Nebeneinandergehocke.

 

Kinder müssen toben und hinfallen dürfen. Sie müssen zerkratze Knie und Hosen voller Matsche habe. Sie müssen Steine und Stöcke sammeln und im Prinzessinenwald herumlaufen. Wenn sie stolpern, rappeln sie sich wieder auf. Oder man reicht ihnen die Hand. Wenn sie weinen, tröstet man sie und ermutigt sie, weiter zu machen. Wenn sie Angst haben, unterstützt man sie. Und wenn sie mutig sind, dann bremst man sie nur, wenn es wirklich gefährlich wird. Kinder müssen sich ausprobieren, um für das Leben zu lernen. Sie müssen ihre Grenzen testen und ihre Kräfte kennenlernen. Wer nur in der Wohnung sitzt, kann sich nicht ausprobieren und Energie verwandelt sich in Unzufriedenheit und Blödsinn. 

 

Kinder müssen Kinder sein dürfen. Dann sind vielleicht auch weniger Medikamente nötig.

 

 

 

 

Quellen: 

 

Patterns of Early Mental Health Diagnosis and Medication Treatment in a Medicaid-Insured Birth Cohort

JAMA Pediatr. 2018;172(6):576-584. doi:10.1001/jamapediatrics.2018.0240

 

 

http://www.faz.net/aktuell/wissen/medizin-ernaehrung/psychopharmaka-krank-gestempelte-kinder-15715623.html