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#EsgehtmiraufdenSack


Ein Vorwort: Achtung, es geht in diesem Artikel um sexuelle Belästigung und Missbrauch. Ich möchte darauf hinweisen, dass es bei traumatisierten Menschen zu psychischen Problemen oder Flashbacks führen kann, sich mit dem Thema zu befassen. Ich bitte daher, die Lektüre zu überdenken, wenn Sie sich unsicher sind! 


Vor einigen Wochen habe ich mich auf Twitter mit mehreren Frauen über Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen im Gesundheitswesen unterhalten. Ich mache es kurz. Die Quintessenz war, dass es kaum eine Frau gibt, die als Krankenschwester, Physiotherapeutin und Ärztin nicht die Erfahrung mit sexuellen Übergriffen gemacht hat.

 

Nein, keine Sorge. Das wird kein „Mimimi, ich springe auf den #metoo-Zug auf“- Text. Es wird ein „Es geht mir auf den Sack!“-Text. Ein „Behaltet Eure Finger bei Euch“- Text. 

 

Die Frau, das Freiwild. Das anzufassende Wesen. 

 

Ich behaupte, dass nahezu jede Frau bereits Opfer eines Übergriffes wurde. 

Und ich gehöre nicht zu den Frauen, die ein Kompliment falsch verstehen und in eine verbalsexuelle Attacke umbenennen.

 

Ich kann dreckige Witze machen, über ein Hinterherpfeifen grinsen und Komplimente als das annehmen, was sie sind: Nette Worte, die mir eine Freude machen sollen. Ich kann mit Männern Bier trinken, mich anbaggern lassen (und mich darüber freuen) und das Leben genießen. 

 

Wenn die Komplimente aber zu plump, die Menschen zu aufdringlich oder die Hände zu grabschig werden, dann hört es auf.

 

Ich ziehe mich aus - im übertragenen Sinne

 

Nun wird es persönlich. Aber ich möchte hier zeigen, dass ich weiß, wovon ich rede.  

 

Meine ersten Erfahrungen machte ich mit 11 Jahren. Ich war ein Kind. Wir hatten Besuch von Freunden der Familie und mein Bruder (damals 7 Jahre), der Sohn der anderen Familie (damals 13 Jahre) und ich schliefen in einem Zimmer. Es dachte sich ja auch keiner was dabei, wenn drei Kinder zusammen in einem Zimmer schlafen. Als mein Bruder schlief, legte sich der Junge auf mich und fing an, mich zu küssen. Ich rannte aus dem Zimmer und alarmierte meine Mutter. Alle Erwachsenen sahen das eher als Belanglosigkeit an, Doktorspielchen im Kindesalter eben. Ich redete nie wieder mit dem Jungen.

 

Meine zweiten Erfahrungen machte ich mit 16 Jahren: Ende der 90er Jahre hingen wir dank der ersten Modems (BRIIIDÜÜÜÜÜDAAADAAASUUUUU - wer kennt es nicht) zuhause in irgendwelchen Chaträumen von Mädchen-Zeitschriften herum. Brigitte Young Miss, Mädchen, Bravo Girl. Ich hatte mein erstes Handy und war zum Einen noch sehr naiv, zum Anderen bezüglich des Internets unerfahren. 

 

Ein Mann trieb sich in diesem Mädchen-Chat herum und fragte mich nach meiner Telefonnummer. Die Mutter in mir rastet gerade aus und schreit: „Bist Du des Wahnsinns! Einen fremden Mann Deine Telefonnummer zu geben!“ 

Ich tat es aus o.g. Gründen: ich war naiv und unerfahren und das nutzte der Mann ganz bewusst aus.

Der Mann schrieb mir und ich schrieb zurück. 

 

Im Übrigen kosteten SMS damals noch verdammt viel Geld. WhatsApp und IMessage gab es nicht. Man schrieb mit dem T9-Wörterbuch in zwei Sekunden 160 Zeichen. 

 

Als der Mann mir plötzlich schrieb, dass er im Auto unterwegs sei und ich mich doch mal auf seinen Schaltknüppel setzen soll, schaltete ich panisch das Handy aus. Als sei ich damit geschützt... 

Glücklicherweise ist nicht mehr passiert. Ich habe es niemandem erzählt, außer einer guten Freundin damals. Sie kannte sich aus. Sie war mit 13 Jahren missbraucht worden. 

 

Als ich 19 Jahre als war, meinte ein „Freund“, mit dem ich eine ganz frische Beziehung eingegangen war, dass ein „Nein“ nicht so ernst zu nehmen sein müsste. Auch zwei oder drei mal „Nein“ hat er wohl überhört. Da kann man als Frau noch fünf mal „Nein“ sagen - Männer sind meistens stärker. Auch ein gemurmeltes „Tschuldigung“ hinterher macht es nicht mehr gut. 

Ein halbes Jahr lang ging es mir echt dreckig. Meine Noten gingen in den Keller und ich ging mehrfach anonym zum Gesundheitsamt, um mich auf Krankheiten testen zu lassen, die mir der Mann angehängt haben könnte. Zum Glück ging alles gut. Erzählt habe ich es lange niemandem.

 

Später, viel später (15 Jahre später, ich war längst Mutter), erzählte ich einer Person davon. Die Reaktion: Das passiere vielen Frauen, Männer seien eben manchmal ungestüm. Das gehöre quasi zum Erwachsenwerden dazu. 

 

Als ich mit Anfang Zwanzig in einer klassischen Studentenkneipe arbeitete, gehörten dumme Sprüche und Antatschen zum Arbeitsalltag und ich lernte, die Sprüche entweder mit einem Augenzwinkern zu nehmen oder die Gäste zu entfernen. Manchmal auch Mithilfe der Barkeeper.

 

Als Pflegepraktikantin wurde mir das ein oder andere Mal ein Penis präsentiert. Mal erigiert, mal nicht. Beim Waschen. Ups. Haha. Naja, passiert. Oder beim Verbandswechsel als Studentin. Man kann sich ja als Patient schon mal die Hose komplett ausziehen, wenn der Knöchel verbunden wird.

 

Ich war auch noch als junge Ärztin die „Prinzessin“. 

 

Und auch jetzt, als Ärztin auf dem Dorf, sitzen Männer vor mir und sagen mir, dass sie auf „reife Pfirsiche“ stehen. Oder dass sie mich im Internet gesucht haben. Oder rubbeln sich auch schon mal das imaginäre Gel vom Penis, wenn ich einen Ultraschall vom Bauch mache. 

 

Warum die ganzen Erzählungen? 

 

So, und wie komme ich nun auf denen ganzen Sermon? 

 

Eine junge Patientin von einer befreundeten Kollegin ist Opfer eines sexuellen Übergriffes geworden. Sie schleppte dieses „Geheimnis“ ein Jahr mit sich herum, bevor sie sich ihrer Mutter anvertraute. Beide leiden unter der Last. Das Mädchen, weil ihre körperliche und seelische Integrität verletzt wurde. Weil jemand etwas nahm, was ihm nicht gehört und nicht zusteht. Die Mutter, weil sie ihre Tochter nicht schützen konnte und ihre Tochter sich (aus Scham und aus Angst um die Mama) nicht anvertrauen wollte. Das Leben der beiden ist aus den Fugen geraten, weil ein Mann seine Griffel nicht bei sich lassen konnte. 

 

Ich habe das Glück, dass ich psychisch recht widerstandsfähig bin. Nie hatte ich das Gefühl, dass das gesamte männliche Geschlecht böse und gemein ist. Vielmehr habe ich diese einzelnen Personen verabscheut und glücklicherweise habe ich in meinen Beziehungen nie darunter gelitten. Nach wie vor genieße ich es, Frau zu sein.

 

Ich habe ein Gespür für Arschlöcher bekommen und sortiere diese sofort aus. 

 

Doch jede Frau geht anders mit dieser Belastung um. 

 

Leider habe ich kein passendes Fazit für diesen Text. Gerne würde ich den jungen Mädchen sagen: „Wehrt Euch! Lasst Euch das nicht gefallen. Und lasst Euch davon Euer Leben nicht zerstören.“ 


Doch aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man in jungen Jahren oft zu überrumpelt von den Ereignissen ist. Und dass auch das Wehren manchmal nicht hilft. Und dass man oft die Schuld bei sich sucht: „Warum habe ich die Telefonnummer herausgegeben?… Warum habe ich mich auf den Mann eingelassen? …  Warum habe ich ihm nicht einfach eine gezimmert?“

 

Man muss es lernen zu sagen: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Wir müssen Mädchen stärken und ihnen zuhören, wenn Übergriffe geschehen. 

Wir brauchen Chefs, die ihre Mitarbeiterinnen schützen und Frauen, die laut ihren persönlichen Schutzbereich verteidigen. 

 

Nun war ich wieder viel zu persönlich. Aber ich weiß, dass es nicht nur im Gesundheitsbereich vielen Frauen so ergeht. 

 

 

Bild: Pixabay, SarahRichterArt