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Der Bascetta-Stern

Es ist gerade Vorweihnachtszeit im Jahr 2018. Und wie jedes Jahr an Weihnachten pendelt der Mensch zwischen Besinnlichkeit, Vorweihnachtsstress und Erkältung, und die Praxis ist voll. 

 

Eine mir gut bekannte und sehr geschätzte Patientin betritt mein Sprechzimmer. In der Hand hält sie eine gigantische blaue Tasche eines schwedischen Möbelhauses, gefüllt mit Irgendetwas in Cellophan-Papier. 

Sie stellt die Tasche geheimnisvoll lächelnd zur Seite und setzt sich zu mir. Wir besprechen ihr Anliegen und sind nach ein paar Minuten auch schon fertig. Eigentlich hat sie nichts, so dass ich denke, sie wollte eigentlich wegen des ominösen Tascheninhaltes herkommen.

 

Sie steht auf und geht zu ihrer Tasche, hält mir den gesamten Inhalt in der offenen Tüte hin und sagt: „Suchen Sie sich einen aus!“ 

 

Verwundert schaue ich hinein und sehe zehn unterschiedlich große, sogenannte Bascetta-Sterne.

„Aber sie müssen einen von den Großen nehmen“, sagte sie. „Das sind Sie wert!“ 

 

Ich bin mehr als gerührt, denn diese liebe Patientin hat sich stundenlang Arbeit gemacht, um für jeden Mitarbeiter in der Praxis einen Stern zu basteln. Wer nicht weiß, was ein Bascetta-Stern ist, kann sich die Anleitung mal im Internet ansehen. Ich habe das an diesem Tag zuhause auch getan. Es ist ein wirklich mühsam, in stundenlanger Kleinstarbeit zusammengefalteter Papierstern, der aus 30 kleinen, quadratischen Blättchen besteht. Man benötigt weder Schere noch Klebstoff, aber viel Geduld und gute Bastelkünste.

 

Zudem hat meine Patientin in die großen Sterne je eine Lichterkette hinein gebastelt, so dass der Stern schön leuchtet. So ein wunderschönes Geschenk berührt mich wirklich. Ein anderes Geschenk, das mich sehr rührte, war eine selbstgenähte Tasche einer Patientin, die ich auch jetzt gerne noch verwende.

 

Oh, Du Fröhliche! 

 

Gerade um die Weihnachtszeit bekommt man in Arztpraxen wirklich viel geschenkt, die Dankbarkeit der Menschen ist unendlich groß. Die Aufmerksamkeiten reichen von kleinen Täfelchen Schokolade, über selbst gebastelte Dekoration, Wein oder sogar Geld möchten manche Menschen schenken. 

 

Letztes Jahr nach der Vorweihnachtszeit ging ich mit sechs Flaschen Wein, selbst gebackenen Plätzchen, mehreren Packungen Pralinen, dem Bascetta-Stern und der selbstgenähten Tasche nach Hause. Und allen Kolleginnen und Kollegen ging es genauso.

Aber ist das natürlich alles nicht nötig, wir machen ja nur unseren Job. Und dennoch habe ich mich über jedes Dankeschön sehr gefreut. Denn die Arbeit in einer Praxis ist nicht immer leicht und manchmal sogar ganz schön anstrengend. 

 

Zu meinen Klinikzeiten konnte ich das noch nicht einschätzen und dachte, die Arbeit in einer Praxis sei deutlich leichter, als der Job im Krankenhaus. Damals in der Notaufnahme wurde man um die Weihnachtzeit auch beschenkt, aber nicht in diesem Maße. Ich kann mich an ein paar Blumen und zwei Packungen Pralinen erinnern. Ein junger, gut aussehender Mann hatte nach einem Trinkgelage erhebliche Herzrhythmusstörungen bekommen und mir eine Packung Pralinen mit der Aufschrift "Diva" geschenkt. Da bekam ich ebenfalls Herzrhythmusstörungen, allerdings vor Aufregung. 

 

Sehr häufig passierte das im Krankenhaus nicht. Während meiner Tätigkeit als Hausärztin umso mehr. Man baut eben eine ganz andere Verbindung zu seinen Patienten auf, was in der meist kurzen Zeit im Krankenhaus nicht in der Intensität passierte. 

 

Stille Nacht, heilige Nacht. Und manchmal nicht

 

An die Weihnachtstage in der Notaufnahme habe ich dennoch schöne Erinnerungen. Das Personal, das an den Tagen die Stellung halten muss, macht sich die Zeit so angenehm wie möglich. Es gibt noch mehr Kekse und Plätzchen als sonst und manchmal wird Weihnachtsmusik gespielt (NICHT „Last Christmas“). 

Die Patienten sind an Weihnachten im Krankenhaus entweder besonders dankbar, oder besonders traurig. Wenn die Familie die Großmutter oder den Großvater über die Feiertage „abgeschoben“ hat, weil man in Ruhe feiern will, dann geht einem das nahe. 

Wenn etwas Schreckliches an Weihnachten passiert, erscheint es einem nochmal schrecklicher. 

Wenn etwas Schönes passiert, erscheint es wie ein Weihnachtswunder.

An diesen Tagen sind viele Menschen sensibler und emotionaler. Sowohl Mitarbeiter als auch Patienten. 

 

Ich kann mich da nicht herausnehmen. Das Jahr geht zu Ende und ich werde nachdenklicher und bin dankbar für das vergangene Jahr. 

 

Dieses Jahr befinde ich mich in Elternzeit, weil ich mehr Zeit mit meinen inzwischen schon recht großen Kindern haben wollte. Und das heißt, ich komme dieses Jahr ohne Wein und Pralinen aus. Dafür hatte ich ein wunderschönes Jahr.

 

Und was noch ein viel größeres Geschenk als Pralinen und Wein ist: Meine Patienten schreiben mir und fragen, wann ich denn wiederkomme. Und dass sie mich als Ärztin vermissen, dass ich fehle. Im Supermarkt traf ich erst vor wenigen Tagen eine junge Patientin, die sagte: "Sie sind so eine tolle Ärztin. Ihnen kann man vertrauen. Sie hören zu.Das geht mir wirklich zu Herzen. 

 

Und ich verrate noch ein Geheimnis: Pralinen mag ich gar nicht so sehr (außer Mon Cheri). Schenken Sie mir lieber Mettwürstchen. Wein nehme ich gerne. Und Tee oder Kaffee. Und liebe Worte noch viel mehr. 

 

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Bild: Bruno Glätsch, Pixabay

Gender: Wie immer meine ich alle Geschlechter, auch wenn ich zwecks Lesefluss in der maskulinen Form schreibe.