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Wenn "Es" nicht (mehr) klappt

Da laufe ich nichtsahnend durch einen Drogeriemarkt, um mir für meine jugendliche Haarpracht (höhö) Shampoo zu kaufen, da sehe ich im Gang, wie eine ältere Frau sich nach vorne beugt, um im untersten Regal nach etwas zu greifen. Ein etwa gleich alter Mann nähert sich ihr, grinst, und haut ihr mit Schmackes auf den Po.

 

Ich hoffe noch, dass die beiden sich kennen, da dreht sie sich erst empört um, und grinst dann verschmitzt. 

Der Mann sieht, dass ich den Gang passiere, zuckt mit den Schultern und grinst. Ich grinse auch. 

 

Als ich jung war (waaay back when…), da dachte ich: „Alte Leute haben doch keinen Sex mehr.“

Meine Mutter war alt. Mein Vater war alt. Als sich meine Eltern trennten, fand ich die Vorstellung, dass sie mit neuen Partnern diese Dinge tun, widerlich. Sie waren ja schon alt. Mitte bis Ende Dreißig. 

 

Autsch. Jetzt bin ich auch so. Vong Alter her. 

 

Ob ich Sex habe oder nicht, sei jetzt mal offen gelassen, denn um mich geht es nicht und ich bin nur die Aufklärungstante. Und heute wage ich in ein Gebiet vor, über das niemand reden will, das aber auch in der Hausarztpraxis ständig vorkommt: 

 

Probleme beim Sex.

 

Wenn SIE nicht (mehr) will

 

Ich gebe zu, dass es mir in der Praxis wenig begegnet. Frauen sprechen meist mit ihrem Frauenarzt über Probleme mit der Libido oder über Schmerzen beim Verkehr, aber gelegentlich kommt es auch bei mir zur Sprache, wobei ich als Hausärztin eher den „psychischen“ Part übernehme. 

 

Das Ausbleiben der Lust ist für Frauen belastend. Auch, wenn oft behauptet wird, Frauen hätten eine geringere Libido als Männer. Das stimmt nicht. 

Frauen sind durch ihre Erziehung leider immer noch so geprägt, dass Lust und Libido „unanständig“ sind, dass man manche Dinge einfach nicht tut und wenn Frauen ein ausgeprägtes Lustempfinden haben, werden sie als unnormal verschrien. Da werde ich zur Feministin, denn wo steht geschrieben, dass Frauen ihre Lust nicht ausleben sollen/dürfen? Gerade ältere Patientinnen haben mir oft berichtet, dass sie „das“ einfach nicht wollen. Dass „der Laden zu“ ist. Dass Sex ihnen nie wichtig war. Sie wurden so erzogen. Selbst mir wurde noch erzählt, dass Frauen sich zurückhalten sollen. 

Glücklicherweise gibt es langsam einen Umbruch und bei der jüngeren Generation wird es normaler, dass auch Frauen ein Lustempfinden haben.

 

Aber die Libido kann eingeschränkt sein. Medikamente wie z.B. Antidepressiva töten manchmal jede Lust und können die Orgasmusfähigkeit reduzieren.

Auch „die Pille“ kann die Lust auf Sex verringern. Blöderweise merken Frauen oft nicht, dass die Pille dies tut, da sie seit jungem Teenageralter mit ihr verhüten und es gar nicht anders kennen. Wenn Frauen sie dann absetzen, merken sie manchmal erst, wieviel Lust auf Sex in ihnen vorhanden ist.

 

Ja, das ist normal. Und weil ich es mal gefragt wurde: Die Lust nimmt um den Eisprung herum zu, weil der Körper die Frau damit zur Vermehrung antreiben möchte. 

 

Auch im Alter ist Sex normal, auch wenn er sich verändert. Patientinnen berichteten, dass es ruhiger wird, manchmal eben nicht funktioniert, aber die Zweisamkeit und das gemeinsame Erleben im Vordergrund stehen. Die Ästhetik sei nicht mehr wichtig, auch nicht der Orgasmus, sondern die Nähe. Und: sie könnten sich mehr fallen lassen, weil eben nicht mehr die Jagd nach dem ekstatischen Erlebnis oder der Gedanke um das eigene Äußere wichtig sei. 

 

Wenn Schmerzen die Lust behindern, nennt man das Dyspareunie und steht für Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Früher verwendet man den Begriff für ein Unbeteiligtsein der Frau bei eben diesem. Nun ja, das mag einfach daran gelegen haben, dass Frauen noch nicht allzu lange über ihren eigenen Körper verfügen dürfen. Erst am 1. Juli 1997 entschieden die Richter in Karlsruhe, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist. Das ist erst 22 Jahre her.

 

Schmerzen beim Sex können psychische und physische Ursachen haben. Die körperlichen Gründe sind in höherem Alter häufig eine trockene Scheide durch Östrogenmangel, bei jüngeren Frauen eher Infektionen, zum Beispiel vaginale Pilzinfektionen, aber auch Chlamydien, Trichomonaden oder auch Harnwegsinfektionen. 

Endometriose, Narben nach vaginalen Entbindungen oder Operationen sind ebenfalls Gründe dafür, wenn es beim Sex zu krampfartigen Schmerzen kommen kann. 

 

Wenn immer wieder Schmerzen beim Sex auftreten, sollte ein Frauenarzt nach organischen Ursachen suchen. Das kann ich als Hausärztin nicht tun. Aber ich kann zuhören und die richtigen Schritte einleiten. Oft steckt nämlich auch eine psychische Ursache dahinter, die auf Partnerschaftsproblemen, Depressionen oder Leistungs- und Schönheitsdruck basiert. 

 

Und: Nach einer Entbindung und in der Stillzeit können viele Frauen nicht intim werden. Wunden, Narben, wunde Brustwarzen, Hormone. Das alles sorgt dafür, dass Frauen sich eher wie eine Milchbar fühlen. Die Hormone können auch dafür sorgen, dass die Libido für eine ganze Weile aufs Eis gelegt wird. Das ist eine Belastung für eine Partnerschaft und Verständnis ist angebracht. Von beiden Seiten. Vom Mann für die Frau, dass sie "normalen" Geschlechtsverkehr jetzt nicht kann oder will. Und von der Frau für den Mann, dass er dennoch die Nähe zu seiner Frau sucht. 

 

Hier hilft es, zu reden. Immer wieder. 

 

Wenn ER nicht (mehr) will

 

Als ich noch in der Notaufnahme arbeitete, kam ein Mann mit Schmerzen im Brustbereich, die auf einen Herzinfarkt hindeuteten. Er bat mich, dass wir kurz unter vier Augen reden könnten und „gestand“ mir, er habe Sildenafil (Viagra®) genommen. „Aber wirklich nur einen Krümel.“

Er schien sich dafür zu schämen, aber ich war froh, dass er mir diese Infos anvertraute. Denn bei herzkranken Personen, denen aufgrund der körperlichen Belastung von sexuellen Aktivitäten abgeraten wird, ist auch die Einnahme von Sildenafil nicht empfohlen. 

 

In der Fachinformation steht auch, dass schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse (z.B. Herzinfarkt, plötzlicher Herztod, Schlaganfall) in zeitlichen Zusammenhang mit dem Gebrauch von Sildenafil gemeldet wurden. Die meisten dieser Patienten, aber nicht alle, hatten vorbestehende kardiovaskuläre Risikofaktoren. Es sei jedoch unmöglich zu entscheiden, ob die Ereignisse mit den Faktoren zusammenhängen. 

 

Fakt ist: PDE5-Hemmer haben den Vorteil, dass sie für die Wirkung eine sexuelle Stimulation vorausssetzen, so dass Er™ nicht einfach so hart wird. Die Wirkung kommt durch eine Erschlaffung der Gefäßwände zustande, so dass Blut in die Schwellkörper fließen kann. Blöderweise erschlaffen die Gefäße auch anderswo, so dass bei Anwendung ein Blutdruckabfall zustande kommen, der bei gleichzeitiger Einnahme von sogenannten Nitraten auch gefährlich werden kann. Wer schon niedrigen Blutdruck hat, auch durch die Einnahme von Blutdrucksenkern, muss vorsichtig sein. Selektive Alphablocker zur Behandlung des Benignen Prostatasyndroms sind inzwischen kein Problem mehr, wenn PDE5-Hemmer eingenommen werden wollen.

Außerdem können PDE5-Hemmer Sehstörungen hervorrufen und sind bei Menschen mit speziellen Augenerkrankungen nicht angeraten. 

 

Hm. Was fängt man nun mit diesen Informationen an? 

 

Für Männer ist das sicherlich ein gewaltiges Problem, denn ab einem gewissen Alter haben die meisten Menschen gewisse Risikofaktoren für Herz- und Gefäßerkrankungen. Die ja wiederum auch Potenzstörungen mit sich bringen. Ein Liebesleben gehört für viele Menschen dazu und daher besorgen sich viele Männer in der Hausarztpraxis das Privatrezept für Sildenafil, Tadanafil (Cialis®) oder ähnliche PDE5-Hemmer. 

 

Wenn Potenzstörungen auftreten, sollte nach den Ursachen gesucht werden. Man sagt, dass die Hälfte der Männer im sechsten Lebensjahrzehnt und zwei Drittel der Männer im siebten Lebensjahrzehnt unter einer erektilen Dysfunktion (ED) leiden - also über einen längeren Zeitraum keine ausreichende Erektion für einen befriedigenden Geschlechtsverkehr aufrecht erhalten können. (Kurzfristige Erektionsstörungen sind übrigens keine ED.)

 

Nun bin ich keine Urologin und kann das Thema nur von der hausärztlichen Seite aufgreifen. Wenn aber jemand mit dem Thema das erste Mal zu mir kommt und bisher keine sonstigen Diagnosen bestehen, muss ich mich auf die Suche nach der Ursache machen und schicke meine Patienten zum Urologen, weil er eben der Fachmann dafür ist und Penis, Hoden und Hormone unter die Lupe nimmt. 

Außerdem muss man(n) kardiologisch untersucht werden, weil eine ED oft schon auftritt, bevor eine Koronare Herzerkrankung symptomatisch wird. Denn Diabetes, Übergewicht und Zigarettenrauchen hinterlassen seine Spuren auch an Ihm™. 

 

Auch Medikamente (z.B. Antidepressive und Neuroleptika) und zurückliegende Operationen, Bandscheibenvorfälle und neurologische Erkrankungen können eine ED auslösen.

Bei jüngeren Menschen stehen oft psychische Probleme im Vordergrund: Leistungsdruck, Partnerschaftskonflikte oder Depressionen. 

Gerade jüngeren Männern macht das sehr zu schaffen und man sollte mit dem Thema behutsam umgehen. Oft wollen Männer mit mir darüber nicht sprechen, das kann ich irgendwie nachvollziehen und respektiere es. 

 

Wusstet ihr übrigens, dass seit der Einführung von Sildenafil die Jagd auf bedrohte Tierarten zurückgegangen ist? Wieso? Weil man nicht mehr versucht, seine Potenz durch die Einnahme von Tierhoden, Rhinozeroshorn und anderen Mittelchen zu steigern. Großartig, oder? 

 

Fazit: Reden!

 

Tja, was ist mein Fazit? Die Störungen im Bereich des Sexuallebens sind vielfältig. Und sie gehören in fachmännische Hände, denn die Gründe sollten gefunden werden, weil ein fehlendes Sexualleben viele Menschen sehr belastet.

 

Und: Wir müssen sprechen. In Beziehungen, und als Ärzte mit unseren Patienten. Ich leiere es ja immer wieder runter: an der sprechenden Medizin führt kein Weg vorbei. 

 

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Gender: Wie immer meine ich alle Geschlechter, auch wenn ich für den Lesefluss in der maskulinen Form schreibe. 

Bild: aitoff, Pixabay