Vor vielen Jahren - als ich nicht eine „echte“ Ärztin war - kam eine Patientin zu mir. Sie war etwa Ende Dreißig und beklagte, sie habe „mal wieder diese Entzündungen unter den Armen, wie dicke Pickel“. Das sei bisher ja nicht so wild gewesen und gehe auch schon seit Jahren so, und mithilfe kleinerer Eingriffen und Antibiotika seien die Abszesse immer abgeheilt. Doch diesmal war es schlimmer. Mehrere dicke „Pickel“ lugten mir entgegen, ein dicker Abszess gesellte sich hinzu. Es sah schmerzhaft und sehr typisch aus.
„Das sind keine einfachen Pickel“, sagte ich. „Das ist eine Akne inversa. Wobei der Name auch etwas irreführend ist“, erklärte ich. Denn mit einer Akne, wie man sie bei Jugendlichen im Gesicht und auf dem Rücken findet, hat das Krankheitsbild nichts zu tun.
Schmerzhafte Entzündungen unter den Armen und in den Leisten
Der Name „Hidradenitis suppurativa (HS) ist eigentlich nicht ganz korrekt. Denn es handelt sich um eine Entzündung des sogenannten Haartalgdrüsenapparats, die immer wieder auftritt - also eine eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die typischerweise schmerzhafte Knoten und Abszesse unter den Armen, in den Leisten und auch im Damm- oder perianalen Bereich (also um den Darmausgang herum) auftritt. Die Entzündungen sind sehr schmerzhaft und schränken die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten sehr ein. Die HS kann auch entstellend und stigmatisierend wirken, denn viele Menschen trauen sich mit den Abszessen und Narben nicht, kurze Kleidung zu tragen.
Frauen sind häufiger betroffen, wobei die Variante, bei der die perinatale Region betroffen ist, häufiger das männliche Geschlecht heimsucht.
Warum die Entzündungen auftreten, wird sogar in der Leitlinie diskutiert. Die beiden Namen HS und Akne inversa (AI) sind vom Krankheitsmechanismus beide nicht ganz korrekt. Denn zum einen sind nicht nur die Drüsen entzündet, wie der Name HS hergibt. Aber es kommt auch nicht - wie bei der Akne vulgaris - zur Überproduktion von Talg. Fest steht, dass die Haarfollikel sich durch eine Überproduktion von Keratin verschließen und eine massive begleitende Entzündung auftritt, die zu Abszessen und manchmal auch zu tiefen Fistelgängen führt.
Gründe sind vielfältig: Hormone, Stoffwechsel, Rauchen
Bei der Entstehung spielen genetische, hormonelle und metabolische - also stoffwechselbedingte- Ursachen eine Rolle. 40 Prozent der HS/AI-Patientinnen und Patienten leiden am metabolischen Syndrom und über 60 Prozent an einer Adipositas, bei der das viszerale Fett (das zwischen den Eingeweiden) stark vermehrt ist. Adipositas könnte den Ausbruch der Erkrankung verursachen oder eine bestehende Erkrankung verschlimmern, so die Leitlinie.
Verschiedene Studien zeigen außerdem eine Zusammenhang mit dem Rauchen von Zigaretten.
Als wären die schmerzhaften Entzündungen nicht schon genug, geht die HS auch noch mit sogenannten Komorbiditäten einher - also mit Krankheiten, die gleichzeitig auftreten. Dazu gehören Depressionen (durch die HS/AI selbst und als eigenständige Erkrankung), chronische Darmerkrankung, Entzündungen der Gelenke, Psoriasis, Diabetes mellitus und Herzerkrankungen.
Das heißt, wenn eine HS/AI diagnostiziert wurde, sollten Symptome der anderen Erkrankungen abgefragt und bei Verdacht nach ihnen gesucht werden - es heißt aber nicht, dass jeder Betroffenen von HS eine der Zusatz-Krankheiten haben muss!
Therapie: Von lokal bis Operation
Die Therapie hängt vom Ausmaß der Gewebeschädigung ab. Bei leichteren Formen genügen zuweilen antibiotische, lokale Therapien mit Clindamycin 1%-Lösung. Bei mittelschwerer Form gibt es Antibiotika als Tablette (Doxycyclin 2 x 100 mg/d, alternativ 2 x 50 mg/d). Bei weiblichen Patienten kann eine hormonelle Therapie in Zusammenarbeit mit den Fachpraxen für Gynäkologie besprochen werden, und dann gibt es noch moderne Medikamente wie Adalimumab und Secukinumab - solche Therapien gehören in die Hände von Dermatologinnen und Dermatologen. Wenn keine Besserung auftritt oder bei schweren Fällen müssen die Bereiche chirurgisch entfernt werden.
Wie ging es mit der Patientin weiter?
Meine Patientin damals schickte ich zu einem Dermatologen, der sie angesichts der Verdachtsdiagnose schnell übernahm. Sie wurde operiert und kam später zum Verbandswechsel zu mir - beide Achselhöhlen wurden „ausgeräumt“. Sie hatte natürlich postoperativ Schmerzen und die Ausheilung dauerte seine Zeit. Sie war aber froh, dass ihre Entzündungen endlich einen Namen hatten.
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Bild: Dr. Thomas Brinkmeier, CC BY 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/4.0>, via Wikimedia Commons
