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... Pflege

Es ist 4:30 Uhr morgens. Ich bin noch einmal Mitte 20 und so unendlich müde. 

So müde, dass ich kaum meine Augen aufhalten kann und beim Zähneputzen im Stehen einschlafen könnte. 

 

Mein BAföG wurde gekürzt. Von 600€ auf 100€ pro Monat. Bääm. 

 

Grund: mein Bruder (170 km entfernt) hat eine Ausbildung begonnen. Nun geht man davon aus, dass die gesamten restlichen familiären Reichtümer an mich weitergeleitet werden. 

 

Problem: die Reichtümer. Sie sind nämlich nicht vorhanden. Schade. 

 

Nun habe ich schon so viele Jobs während meines Studiums gemacht und komme trotzdem finanziell nicht über die Runden.

 

Verzweifelt schreibe ich also E-Mail um E-Mail, grase Jobangebote ab und gehe in der Uni am schwarzen Brett auf Jobsuche.

Schließlich werde ich fündig: Ich beginne als Pflegehilfe in der Inneren Medizin in einem Darmstädter Krankenhaus.

 

Der Knochenjob

 

Der Arbeitstag beginnt um 6:00 Uhr. Weil ich einmal halb durch Darmstadt fahren muss, stehe ich um 4:30 Uhr auf. Heute, in weiter fortgeschritten Jahren, bin ich das frühe Aufstehen gewöhnt. Ich habe mich auch nach einigen Jahren versuchter Vereinbarkeit von Kindern und Karriere an schlaflose Dienste und schlaflose Nächte gewöhnt.

 

Doch mitten im Studium bedeutete das Weckerklingeln um 4:30 Uhr Folgendes:

  • Was habe ich getan, dass ich so gequält werde?
  • 4:30 Uhr ist doch eigentlich Schlafenszeit.
  • Was habe ich getan, dass ich so gequält werde?
  • 4:30 Uhr ist doch eigentlich Schlafenszeit.
  • Was habe ich...

 

Aber das Geld muss her. Also stehe ich um 5:15 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle und fahre mit erstaunlich vielen Menschen um diese für mich damals unmenschliche Uhrzeit durch die Stadt.

In der Bahn schlafe ich fast ein.

Um 5:45 Uhr betrete ich das Krankenhaus.

Um 6:00 Uhr ist Dienstbeginn.

 

 

Meine Aufgaben: Waschen und Waschen.

 

Wir starten um 6:00 Uhr mit der Frühbesprechung. Ich wundere mich, dass die älteren Kräfte (ab 35 Jahren aufwärts) morgens schon so munter sind. Ich halte mich an meinem Kaffee fest, versuche meine Augen geöffnet zu halten und lausche den Erläuterungen der Nachtschwester.

 

Um 6:30 Uhr startet mein Part. Wir gehen durch die Zimmer und wecken die Patienten. Ich hasse den Schlafmief in den Zimmern. Wir beginnen, die Vitalparameter zu messen: Blutdruck, Puls, Temperatur. Hatten Sie Stuhlgang? Breiig. Aha. Ich notiere. 

 

Anschließend hole ich mir eine Waschschüssel und beginne, mit den Auszubildenden zusammen die Patienten zu waschen. An manchen Tagen sind es sechs Patienten, an anderen acht, an manchen zehn. Habe ich schon erwähnt, wie müde ich bin?

 

Ein Mann bekommt beim Waschen eine Erektion. Eine Frau sitzt nackt auf dem Stuhl und verschmiert mit ihren Händen Kot an der Wand. Ich bugsiere sie sanft und mit zwei Paar Handschuhen in die Dusche. Der nächste Patient ist ein schwerer Pflegefall und bekommt von seiner Umgebung nichts mehr mit. Der Stuhl in seinen Windeln (korrekt: Inkontinenzhose) ist überall. Vorne, hinten, oben, unten. Er nestelt mit seinen Händen in der Windel und tut mir unendlich leid dabei.

 

Die nächste Patientin hat sich den Blasenkatheter gezogen. Mitsamt dem geblockten Cuff. Für Nicht-Mediziner: die Blasenkatheter haben in der Blase einen kleinen Ballon, etwa so groß wie ein handelsüblicher Flummi. Dieser Ballon wird mit medizinischem Wasser (Aqua dest.) gefüllt, damit der Schlauch nicht aus der Blase rutscht. Die Dame zog sich den aufgepusteten Ballon einfach aus der Blase. In meinem Kopf macht es bei dem Gedanken „Plopp“, und ich bin verwundert und erleichtert, dass sie nicht verletzt ist. Möglicherweise hatte sie Übung mit Blasenkathetern.

 

Nach dem Waschen an allen erdenklichen Körperteilen werden die Patienten gelagert und parallel werden die Betten gemacht. Es ist wirklich ein Knochenjob. Und ich bin müde. 

 

Es gibt zwar ein gemeinsames Frühstück, aber oft schaffen es nicht alle, daran teilzunehmen. In einer Tour geht die Klingel. Immer möchte irgendjemand etwas. Ständig gibt es etwas zu tun. Die erfahrenen Pflegefachkräfte richten Infusionen und Medikamente, versorgen die Patienten medizinisch, gehen mit auf die Visite und arbeiten die Anordnungen ab.

 

Nachdem der Waschmarathon beendet ist, wird das Essen gereicht. Wir verteilen es, portionieren es in mundgerechte Stücke, reichen an und räumen es wieder ab. An einem Tag bringe ich einem Patienten Erdbeeren von zuhause mit, weil er im Sterben liegt und noch einmal Erdbeeren schmecken wollte. 

 

 

Feierabend

 

Es ist 13:00 Uhr und ich habe sieben Stunden Arbeit hinter mir. Netterweise darf ich etwas früher gehen, weil ich noch zu meinem zweiten Job nach Frankfurt fahren muss. Um 15:00 Uhr muss ich dort in einer Eventhalle sein, weil ich bei einem Catering arbeiten werde.

 

Ich fahre mit der Straßenbahn schnell in meine Wohnung, schauflel mir eine Portion Spaghetti in den Bauch und laufe hektisch zum Südbahnhof, wo um 14:00 Uhr mein Zug nach Frankfurt fährt. 

Ich bin müde (erwähnte ich das?) und schlafe im Zug kurz ein.

 

Da es hier nicht um das Catering geht, kürze ich den Text ein bisschen ab. An diesem Tag habe ich noch von 15:00 Uhr bis 3:00 Uhr nachts als Servicekraft gearbeitet. Laufen, lächeln, Leute glücklich machen. Wein einschenken, Geschirr abräumen, Kaffee kochen. 

 

Hätte mich nicht netterweise ein Cateringkollege nachts um 4:00 Uhr mit nach Darmstadt genommen, wäre ich erst um 6:00 Uhr morgens zu Hause gewesen, denn die Bahnen fuhren nachts nicht. So lag ich also „schon“ um 5:00 Uhr an diesem Tag im Bett - nach 23 Stunden Arbeit. Ich weiß noch heute, wie sehr die körperliche Erschöpfung schmerzte. Es gab keine Faser in meinem Körper, die mir nicht weh tat. Es war eine gute Übung für die Bereitschaftsdienste.

 

Verdient hatte ich in diesen 23 Stunden 140 €. Nicht mal eine Spahn'sche Packung Merci-Schokolade hätte mich nach diesem Tag mehr erfreuen können. 

 

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Bild: pixabay, clker-free-vector-images