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Isch bin net so de Aazdgänger

 

Es ist ein beliebiger Tag. Ein Vormittag wie alle anderen. Ein klassischer Höllenvormittag. Es ist voll, das Wartezimmer bricht aus allen Nähten und es gibt einige ernste Erkrankungen. Daneben viel HuSchnuHei (HustenSchnupfenHeiserkeit) passend zur Jahreszeit. Das Telefon klingelt ununterbrochen, Rezepte werden abgeholt, Blut abgenommen, lange Gespräche geführt. Mein Kopf brummt. 

 

Es ist kurz vor 12 Uhr mittags, also pünktlich zur Mittagspause, als ein alter Herr mit Rollator in die Praxis kommt.

 

 

Gemach, gemach!

 

BIs ich den Patienten aufrufe, der ohne Termin erschien, ist es 12:15 Uhr. Gemächlich rollt er ins Sprechzimmer, parkt den Rollator, macht es sich bequem und sagt: „Isch krieg so schlescht Luft. Aber isch bin nej erkälded.“

 

Er klingt sehr kurzatmig. Hellhörig werde ich, als er Schmerzen im Brustkorb angibt, die zum Teil auch in den Rücken ausstrahlen. Er habe die Beschwerden jetzt seit einer Woche. 

 

Der Paatient ist nicht erkältet, hat und hatte kein Fieber, der Blutdruck liegt mit 135/85 mmHg im hochnormalen (und für sein Alter eher guten) Bereich. Der Puls ist unregelmäßig. 

 

Nachdem er sich gemütlich aus seiner Oberbekleidung geschält hat, höre ich ihn ab. Die Lunge ist frei. Kein Anzeichen einer Lungenentzündung. Wasser höre ich auch nicht rasseln. Aber die Sauerstoffsättigung ist eher suboptimal. 92%. Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht gut. 

 

„Herr Müllermeierschmidt (Name erfunden), ich möchte mal ihre Beine ansehen.“ Ich vermute Wassereinlagerungen, denn die gesamte Symptomatik schreit nach Herzinsuffizienz - einer Schwäche des Herzen, das Blut kräftig zu pumpen. Dadurch sammelt sich Wasser in den Beinen und in der Lunge. 

 

„Momentschen. Jetzt zieh’isch misch erstmol an“, spricht der Herr und wurschtelt seine Unterhemden und Leibchen in die Hose, knöpft das Hemd wieder zu und setzt sich hin. 

 

„Isch hob aber ei lange Unnerhos an, das gehd jetzt ned.“

 

„Ich mache mir schon Platz an ihren Beinen“, antworte ich, er lacht und ich knie zu seinen Füßen nieder. Die dicke Stoffhose umhüllt seine in eine lange Unterhose gesteckten dünnen Beine.

 

Das eine dünne Bein. Das andere Bein ist dick. Und rot. Und warm. 

 

„Des is schon länger so dick“, erklärt Herr Müllermeierschmidt.

 

Ich ordne ein EKG an und zwei Schnelltests: Einen auf Troponin, das den Untergang von Herzmuskelgewebe anzeigt. Und einen auf die D-Dimere, die bei Thrombosen und Lungenembolien positiv sind. (Der Schnelltest ist zugegebenermaßen etwas unsicher. Er kann auch bei Entzündungen oder nach Operationen auffällig sein. Ist er jedoch negativ, kann man recht sicher einer Thrombose oder Embolie ausschließen.)

 

Inzwischen ist es 12:30 Uhr. 

 

 

Das muss man schon mal ausdiskutieren

 

Das EKG zeigt keine Hinweise für einen Herzinfarkt, aber auch keine für eine Lungenembolie. 

 

Nach 20 Minuten bekomme ich eine Nachricht auf meinen Bildschirm: D-Dimer positiv. Es schließt sich also der Kreis. Herr Muüllermeierschmidt hat allem Anschein nach eine Thrombose im Bein. Die Luftnot könnte durch eine Lungenembolie bedingt sein. 

 

Ich bespreche den Sachverhalt mit ihm. Er insistiert. Er habe nun wirklich keine Zeit, ins Krankenhaus zu gehen. Er habe Briefe dabei, die müssen zur Post. Und morgen komme sein Freund zum Kaffee.

 

Nach weiteren fünf Minuten Gespräch lenkt er schließlich ein und ich setze mich mit der nächsten Klinik in Verbindung und ordere den Rettungswagen. Das ohnehin schon mühsame Laufen ist jetzt für den Patienten tabu.

 

Der Rettungswagen kommt und die Sanitäter befragen ihn: „Wíe lange habe Sie denn schon Luftnot?“

 

Patient: „Och, so a Woch bestimmd.“

 

Sanitäter: „Und warum waren Sie nicht eher beim Arzt?“

 

Patient: „Eija, isch bin net so de Aazdgänger.“

 

Sanitäter: „Ejo... dann nehmen wir Sie jetzt mal mit.“

 

Auf dem Weg zum Wagen gibt es noch einen kleinen Zwischenstopp auf der Toilette. Inzwischen ist es 13:20 Uhr. 

 

Eilig hatte es der Herr jedenfalls nicht. Aber so sind sie halt, die Nicht-Aazdgänger. Wer ein Jahr nicht kommt, kann dann auch mal mehr eine Stunde Behandlungszeit bei uns in Anspruch nehmen. 

 

Bild: Pixabay, emslicht

Anmerkung: Name des Patienten/der Patientin und Zeitpunkt der Konsultation verändert

 

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