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Wenn der Job Dich fassungslos zurücklässt

Triggerwarnung: Ich berichte über Tod, Verletzung und Krankheit. Bitte nicht lesen, wenn Ihr in dem Bereich schlimme Erfahrungen gemacht habt. 

 

 

Der Umgang mit Schicksal

 

Es begegnet uns in unserem Beruf überall. Egal, in welchem Beruf wir arbeiten: Alle, die im Krankenhaus, in Praxen, als Notfallsanitäter oder Pflegefachkraft arbeiten. Wir müssen damit leben, dass wir früher oder später schreckliche Dinge sehen und diese schrecklichen Dinge uns überfordern. 

 

Natürlich ist es ein bisschen abhängig davon, in welcher Disziplin wir tätig sind. 

 

Die Unfallchirurg*innen sehen die Verletzen und Schwerverletzten, sei es durch Unfall oder Gewalt. Die Notärzt*innen sehen die Schicksale vor Ort, sehen, wie es passiert ist und das bindet die Behandelnden ganz anders in das Geschehen ein. Die Pflegekraft in der Psychiatrie muss sich vielleicht damit auseinandersetzen, dass ein Patient sie mit dem Messer bedroht oder eine Patientin ein schweres Gewalt-Schicksal hinter sich hat.

 

Während meiner Laufbahn habe ich mehrere Fachgebiete gesehen. Und jedes hatte seine Dramen und Schicksale bereit gehalten.

 

Pathologie 

 

Meine erste Anstellung nach dem Examen hatte ich in der Pathologie. Als junge Assistenzärztin hatte ich kein Problem mit den Toten. Aber doch mit den Geschichten dahinter, weil ich diese nicht ausblenden konnte.

Eine junge Frau mit einer angeborenen Rachitis litt unter einem Morbus Crohn. Diese chronsch entzündliche Darmerkankung kann in verschienden starken Varianten auftreten und bei ihr war es besonders schlimm.

Bereits im Jugendalter war ihr ein großes Stück vom Darm entfernt worden. Nun litt sie wieder unter einem besondern starken Schub, der ihr schließlich mit einer Blutvergiftung und Multiorganversagen einen traurigen Platz im Untergeschoss des Krankenhauses einbrachte.

 

Die junge Frau auf meinen Obduktionstisch war kaum noch zu erkennen. Aufgeschwemmt war sie, der operierte Bauch aufgebläht. Trotz des jungen Alters hatte sie Druckgeschwüre am Rücken und am Steiß, die bereits beim Hinsehen schmerzten. Während der Obduktion zerflossen die Organe beinahe unter den Händen, so weich und schwammig waren sie durch die Sepsis verändert. 

Die junge Frau hatte etwa 20 Jahre lang gelebt. Mindestens zehn davon unter Schmerzen. 

 

 

Einige Monate später lag ein Mann in den mittleren Jahren auf unserem Tisch. Er sei akut verstorben und habe Blut gespuckt, hieß es von den behandelnden Klinikern. Die Autopsie offenbarte einen sehr interessanten, aber auch dramatischen „Fall“:

Der Herr hatte ein Geschwür in der Speiseröhre, bekannt war jahrelanger Alkoholismus. Dieses Geschwür war in die dahinter liegende Aorta durchgebrochen und sorgte innerhalb von wenigen Minuten zum Verbluten. Des gesamte Magen-Darm-Trakt war mit Blut austamponiert - man konnte das geronnene Blut in Form der Organe als Abdruck entnehmen. Ich empfand diese Todesart als sehr schrecklich, wenn es auch sehr schnell gegangen sein muss.

 

Onkologie 

 

Während meiner Zeit in der Onkologie lernte ich ein Ehepaar kennen, das regelmäßig zu mir kam, weil ich sie in einer klinischen Studie betreute. Was ich normalerweise vermeide, entwickelte sich von alleine: wir freundeten uns an und blieben auch nach Beendigung der Studie in regelmäßigem Kontakt.

Sie hatten zwei erwachsene Kinder und luden mich mit meinen Kindern ein, sie zu besuchen und Urlaub zu machen.

 

Und wie das so ist: Immer hat man etwas anderes zu tun. Und so vergingen die Monate und irgendwann schrieb ich sie wieder an, um den Besuch zu planen.

Die Email erschütterte mich: „Es tut mir leid. Meine Frau ist vor drei Monaten verstorben. Der Krebs war zu weit fortgeschritten und sie entschied, ihrem Leben in der Schweiz ein Ende zu setzen.“

Diese starke, tapfere Frau, die nichts unterkriegen konnte, entschied sich für ein eigenbestimmtes Ableben. Selten habe ich soviel Bewunderung für jemandem empfunden. 

 

Natürlich gab es insbesondere in der Onkologie viele belastende Schicksale. Und auch in der Praxis mussten wir damit umgehen, dass uns jemand unter den Händen verstarb und viele Patienten mit Unverständnis und Ungeduld reagierten. 

 

Notaufnahme

 

Eine Situation, die mich als internistische Assistenzärztin eigentlich nicht betraf, ließ mich dennoch einige Tage nicht los. 

Es war 5 Uhr am Morgen und ich hatte in 24h keine Sekunde die Augen zugetan. Ich war gerade in das Dienstzimmer gegangen und wollte versuchen, noch zwei Stunden zu schlafen, als der Schockraum-Melder los ging. Dieser schrille Alarm lässt keinen Zweifel zu: Renn. Jetzt!

 

Zeitgleich mit vielen anderen eintreffend sahen wir eine Frau, die schrie, wie am Spieß. „Er wollte mich töten, er wollte mich töten.“ Die Chirurgen versorgten sie umgehend, die Anästhesisten kamen hinzu und ich konnte nicht mehr machen, als den venösen Zugang zu legen. Die Damen hatte ein zerschnittenes Gesicht und einen Schnitt quer über die Kehle. Dass sie noch lebte, war ein Wunder, denn die großen Halsgefäße waren nur knapp verfehlt. Der Sanitäter stand vollkommen neben sich. Immer wieder lief er um mich herum, erzählte repetitiv, was passiert war. Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben. 

 

Die Dame hat es überlebt, die Verletzungen waren nicht lebensbedrohlich, dennoch nicht minder angsteinflößend. 

 

Wir sind keine fellbezogene Roboter

 

Immer wieder werden wir mit solchen Situationen konfrontiert. Und jeder geht anders damit um. Wichtig ist aber, Zeit für das Gespräch zu haben. Die Situation aufzuarbeiten. Und das fehlt leider meistens. Entweder muss der Betrieb weitergehen oder es werden einfach keine Gespräche angeboten.

„Solche Situationen gehören dazu.“ „Kindchen, Du brauchst ein dickes Fell.“

 

 

Auch ein dickes Fell kann Narben bekommen. Wir sind alle nur Menschen. Keine fellbezogenen Roboter.

 

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(Bild: Pixabay, phtorxp)